Nur noch wenige Schritte über die letzte Kuppe und ich stehe schweissgebadet, in gleissendem Herbstlichte bratend vor diesem einmalig schönen Flecken im Rätikon; ich, der Partnunsee und gefühlt zweihundert Zürcherinnen und Zürcher jeden Alters. Sie sitzen im See, am See, aufm See. In funktional-neonleuchtender Sportbekleidung oder in Adi Dasslers Chile-62-Schuhen. Es geht hier zu und her wie im Irchelpark. Das Tempo, die Moves, der schnarrende Dialekt aktivieren «morbus raeticus», dieses Gefühl, mit denen von da unten nicht ganz mithalten zu können. Ich kneif mir in den Arm. Vermute dahinter gar eine Werbeaktion von Graubünden Ferien. Gleich wird deren CEO im Anzug hinter einem Kalkfelsen hervortreten und die ulkige Szene charmant-witzig wegmoderieren. Aber nichts da: Die ZürcherInnen haben den See annektiert. Sie sonnen sich an den Gestaden des kleinen Wassers, als wäre es das Ihre. Eigen in der Art. Selbstverständlich im Tun.

 

Gute Nachrichten hingegen aus der wilden, szenigen Stadt gab es kürzlich. Es geschah an einem Dienstag und der Äther übermittelte mir den Zischtigs-Club aus dem Leutschenbach auf den heimischen Farbfernseher. Ich kenne die Sendung aus Jugendtagen, als Moderator Heiniger die geschlossenen Fragen meist grad selber beantwortetet, Uriella, die Erleuchtete und der Masanser (!) Schmid sich erbitterte Wortkämpfe lieferten und Göttergatte Icordo zwischendurch verwirrend durchs Bild wuselte. An diesem Dienstag im September gings ruhiger zu und her. Das Thema erinnere ich nicht mehr. Schweizer PolitikerInnen sprachen Standartsprache, was albern klang. Der NZZ-Chefredaktor analysierte Deutschland (kein Typ fürs alberne Fach) und der libertäre demokratische Sozialist Gregor Gysi amtete als angepasster Gast mit lucidem Geist. Herrlich. Wenn auch undankbar die Rolle. Den Mann lädt man nicht in eine helvetisch Talkrunde für Langsamdenkende, den interviewt man launisch. Dennoch fügt sich der Frontmann der Linken einigermassen geschickt ein, geht manchmal unter, manchmal auf und platziert schier unbemerkt von den Beisitzenden einen wichtigen Gedanken – nämlich, dass die Soziale Frage heute keine nationale Frage mehr sei, sondern eine Menschheitsfrage. Eine Menschheitsfrage! Denken Sie mal über den Satz nach. Gerne nochmal.

 

Die nicht stattfindende Reaktion der Anwesenden im stylischen Studio kann als Hinweis gedeutet werden, dass die Bedeutungsschwere der Aussage des Berufslinken nicht verstanden wurde. Oder dass schweizerische PolitikerInnen sowas nicht auf dem Schirm haben. Oder dass der Sozialen Frage im helvetischen Wahlkampf kein prominenter Platz mehr zugewiesen wird. Seltsam, nicht? Möglicherweise ist die Nichtbeachtung auch der Fähigkeit eines Gregor Gysi geschuldet, sogenannt «linke» Anliegen und Positionen beindruckend leichtfüssig, besonnen und charmant zu platzieren. Dennoch: Dass des Genossen Worte nach dreiundzwanzig Uhr, wenn die bürgerliche Nachbarschaft artig gebettet im Dunkeln liegt, durchs Schweizer Fernsehen zu mir durchdringt, hätte ich nicht erwartet, als ich gelangweilt in das Programm auf Listenplatz eins zappte. Die Gebühren haben sich gelohnt. Danke, SRF. Ferner sei di Sequenz den zu Wählenden empfohlen.

 

Wenn nur alles Zürcherische so anregend wäre! Ich suche mir ein winziges Plätzchen oberhalb des Sees, schaue hoch zum Silbergeier und denke nach. Wenn nicht Graubündens TouristikerInnen die Leute hierher gekarrt haben, woher kommen Sie? Die Antwort: Aus den Volkswagen; T4-, T5- und T6-Busse auf P4, P5 und P6 im schmalen Tal. Mit einem Tagesticket für sechs Stutz nächtigen die Horden hier oben billig und teilen sich artig die Chemietoilette am Bergbach. Bus, Matratze und veganes Grillgut gereichen heute kinderreichen Städterfamilien fürs Alpinweekend. Ich denke noch darüber nach, wie ich das finden soll. Morbus raeticus denkt mit.

 

 

PS: Angenommen, mal rein theoretisch, in Ihrem Dorf würden deutlich unter 15 Prozent der Menschen zur sonntäglichen Gemeinderats-und-andere-Herren-wählen-Wahl gehen: Was ginge Ihnen durch den Kopf?

 

(Bild: Pexels)