Mein Kreuz schmerzt. Sie werden sagen, das sei in der Mitte des Lebens normal. Oder zumindest erwartbar. Schliesslich trägt die Wirbelsäule den älter gewordenen Sack auch schon eine Weile mit sich rum. Ich glaube aber, es ist alles ganz anders. Ich bin genervt, kann deswegen kaum schreiben und erkenne die Ursache bald: Schuld daran ist eine gemeinnützige Stiftung. Und vielleicht sogar eine Altbundesrätin.

Hintergrund: Zehnmal jährlich stellt jemand klammheimlich eine Europalette voller Gratiszeitungen auf dem Schulhof ab. Hochglänzend und mindestens so professionell. Das Magazin schimpft sich «das meistgelesene Elternmagazin der Schweiz. Kompetent, fundiert, serviceorientiert». Mit einer beglaubigten Auflage von einhundertzweitausend Exemplaren. Und keck mit Kindernamen versehen, den die meisten Kinder längst nicht mehr tragen.

Das Problem: Ich habe die Zeitung nie bestellt, trage sie zehnmal jährlich die eine Treppe hoch und die nächste wieder runter. Dann den schmalen Gang nach hinten rechts in den Luftschutzkeller, um sie endlich abzulegen und bis zur Altpapiersammlung in zwei Jahren zu horten. Meine KollegInnen schauen mich schon schief an. Denken sich sicher, was der Spinner da unten im Keller mit den Heften treibt. Diese «Heftli» für Eltern sind dermassen schwer, dass mir das Herumtragen regelmässig eins ins Kreuz haut. Sie zu verteilen, habe ich schon lange aufgegeben. Die Eltern wollen diese Zeitschrift nicht. Manchmal habe ich sie mit zünftig zornigen Kommentaren zurück erhalten. Ich erspare Ihnen den Wortlaut. Zudem betrachte ich den übermassigen Anteil forscher Werbung des Blattes, die sich an die Kinder und deren (teils!) kaufkräftigen Eltern richtet, in einer Bildungseinrichtung wie der öffentlichen Schule, als fehlplatziert und problematisch. Zudem: Die Zielgruppe sind vor allem Eltern. Zur Klärung für Madame Ringier: Die wohnen nicht an meiner Schule! Um ehrlich zu sein, habe ich ein paar Mal in der Zeitschrift geblättert. Den einen oder anderen Artikel inmitten der leuchtenden Reklame fand ich ganz gelungen. Manchmal fehlt es dann aber doch einer gewissen Fachlichkeit oder an vertiefenden Hinweisen. Und wenn der dänische Erziehungspapst Jesper Juul zum hundertsten Mal seine Erziehungsvorstellungen preisgibt, wird’s zirkulär, abgegriffen, langweilig. Seine Auffassung der Gleichwürdigkeit mag ich, seine Tipps für den familiären Frieden am Mittagstisch und den Curryreis betreffend, kann ich bei mir zuhause gleich vergessen. Dem trotzenden Kinde die gesamte Rezeptur des Herstellungsvorganges geduldig zu erläutern und es partizipativ auf Augenhöhe zum Einverständnis zu befragen, weil ich mir heut mal erlaubt habe, ausnahmsweise etwas von dem gelben Pulver in den Reis zu kippen, was ich sonst ja nie tue, heute aber getan habe – mea culpa, mea culpa, mea culpa maxima! –, und deshalb hoffe, es möge verständnisvoll und mutig von der Köstlichkeit probieren, ist, mit Verlaub, alltagsfremd. Kürzer? Das funktioniert nicht! Niemals! Naaaaiiii!

Ich habe versucht, die Zeitschrift abzubestellen. Das klappt nicht. Unzählige Male habe ich es versucht. Habe der Redaktion, dem Vertrieb, dem Chef, der Chefin – allen! – in den höflichsten Tönen versucht beizubringen, dass ich «Fritz und Fränzi» nicht mehr möchte. Leider erfolglos. Die Europlatte kommt zuverlässig zehnmal jährlich auf den Pausenhof geschlichen. Mein Keller ist bald vollgestellt und ich bin mir nicht sicher, ob wir bald ähnliche Probleme wie die Atomofenheizer im Lande haben. Können wir den originalverschweissten Müll auch im Umland von Zürich verbuddeln lassen? Oder sollen wir weiterhin die ungelesene Zeitschrift in den Altpapiercontainer werfen? Manchmal gibt es ja ein paar Batzen fürs Skilager dafür. Frau Leuthard, was sagen Sie als energische Fürsprecherin des Blattes eigentlich dazu?

Die Lösung: Die Rechnung für die Rückensalbe schicke ich der Altbundesrätin ins Freiamt. Bei den BlattmacherInnen hoffe ich, dass sie die die hochgehängte Serviceorientierung endlich ernst nehmen und das aggressive Zustellen des kleinen Dossiers mit der vielen Reklame beenden. «Seien Sie gelassen, vertrauen Sie auf ihr eigenes Urteil», lautet Ihr Rat an die Leserschaft. Das eine fällt mir mit Ihnen nicht leicht, das andere tu ich längst: Balkontomaten der Grossbank, Goldhandel, Pillen für Nagelwachstumsstörungen, Kreditkarten und andere angepriesene Must-haves der Erwachsenenwelt haben an Schulen nichts verloren! Und Jesper, kochen tu ich heut Pasta. Basta!

PS: Den Glossenschreiberling zieht es an diese kleine, unaufgeräumte Bar an der etruskischen Küste. Bei weltbestem Espresso und Donatellas Geschichten lässt sich das Hier anders denken. Die Freitags-Kolumne ist im August wieder zurück. Bis die Tage.

(Bild: Pixabay)