Hie und da zieht man wohl einfach einen schlechten Tag ein. Wie ich diese Zeilen schreibe, ist dem so. Woran es liegt? Ich weiss es nicht. Schuld müssen aber die Anderen sein: Der Mensch, der das leere Aromatdöschen auf den Frühstückstisch gestellt hat, Madame Etoiles Sternengheul oder Albert Rösti. Zu Letzterem später mehr. Wenn es mir so richtig dreckig geht, ich mich derb verlassen fühle, dann suche ich Trost bei meinen Freunden. Nein, nicht die flüchtig-fluiden Gestalten auf Facebook, Linkedin oder der Whatsapp-Gruppe. Echte Freunde. Reale Gegenüber aus Fleisch und Blut. Die finde ich für wenig Geld in meiner Heimatstadt Chur, Position 46°51’20.82’’N 9°30’40.257’’E, den Eingeborenen besser als «Werkhof» bekannt. Hier wird der ganze Güsel der Konsumgesellschaft entsorgt, landet der Dreck, der das Leben so hergibt. So gesehen kein schöner Ort. Was ihn schön macht, sind die Mannen in den orangen Gewändern.

Schon bei der Einfahrt in den Hinterhof der städtischen Professionalität verspüre ich diese Vorfreude. Endlich sehen wir uns wieder, die Mannen und ich. Das ist fürwahr echte Freundlichkeit, gepaart mit Humor und zupackenden Händen. Meist leitet ein «Ölla», «Salutti» oder gut khurerisches «Moinz» den Entsorgungsakt beherzt ein. Der volle Hochdachkombi entleert sich in Windeseile. An Samstagen, wenn viel los ist, erwartet mich einer der städtischen Frontarbeiter bereits bei der Pforte mit den berühmt weissen Zettelchen; da kann er tarifhinterlegte Müllvariationen ankreuzen. Das gibt dann Geld fürs Stadtkässali. Ob die Fuzzis der Geschäftsprüfungskommission auch jedes Zettelchen brav kontrollieren? Allgemein gilt: wenig zahlen Chur-Card-Besitzer. Die fremden Fötzel müssen mehr blechen, deren Müll ist teurer. Aber: Nicht immer wird alles gleich berechnet, es muss – so nehme ich an – so etwas wie eine Werkhof-Kulanz geben, gleichsam unausgesprochene Spielräume der Abfallbewirtschaftung. Diese Lücken lote ich immer mal wieder aus, werfe Sperrgut gekonnt heimlich in die Tonne, verstecke Plastikmüll in der Kartonage, gebe abgeklärt «nur a 17 Liter Sack» zur Antwort, obschon sich mindestens 50 Liter hinter dem Beifahrersitz verstecken. Manche Male gar schraube ich die Metalldeckel der Gurkengläser bewusst nicht ab und schmeisse sie mit Verve in die Tonne. Ist das schon kriminell? Nein! Wo denken Sie hin. Dies alles ist integraler Bestandteil der heiter keimenden Werkhofkultur. Auf dem Abfallberg der rhätischen Metropole wird deren deviantes Spiel erst wirklich deutlich. Hier zeigt sich, was sonst gut verwaltet im Verborgenen abläuft. Der Werkhof lebt von freundlichen Begegnungen, freundschaftlichen Gesten und dem businesshaften Umgang mit Angaben, Vorgaben, Ausgaben, Abgaben oder deren kreativen Umdeutungen. Dazu gibt’s Trinkgeld. Immer.

Stören tun das Treiben lediglich regelfetischistische Praktikanten oder übermotivierte Mitarbeiter in der Probezeit, welches es darauf anlegen, meine Verfehlungen aufzudecken. Vielleicht in der abwägigen Hoffung auf eine A-Bewertung im MAB. Das ist erstens peinlich und zweitens unnütz: A-Bewertungen sind ein rares Gut und keiner der übermotivierten Störenfriede arbeitet lange da – glauben Sie mir! Im Werkhof, da kann man noch auf langlebige Beziehungen setzen. Er ist die Antithese zur beschleunigten Welt da draussen.

Neben meiner Suche nach freundlichen Menschen – und siehe da, ich wurde ja fündig – habe ich heute keine Wertstoffe dabei. Nur eine Zeitung. Ein Extrablatt der Schweizerischen Volkspartei, Ausgabe Juni 2019. Ich habe den Versuch Albert Röstis, für «Vernunft statt Ideologie» einzustehen und die «Ahnungslosen» (gemeint sind Sie, liebe Schweizerinnen und Schweizer!) vor dem sozialistischen Umbau unserer Gesellschaft durch die «Links-grünen» zu warnen, Wort für Wort gelesen. Der Klimateufel und seine getreue Gefolgschaft entlarven die «rot-grüne Verlogenheit» in schallend-markigen Worten, einer verqueren Logik und mit grimmigen Schweinen. Grunz. Am Ende der Lektüre stehen zwei Gewissheiten. Erstens: vernünftig klingt das nicht. Und zweitens, lassen die Beiträge auf 16 Seiten die äussert grosse Verzweiflung dieser Partei glasklar erkennen. Sapperlot Herr Rösti, mit dem Blatt haben Sie, mit Verlaub, den Vogel echt abgeschossen!

Mein oranger Freund auf Zeit war heute etwas erstaunt, dass ich nur eine Zeitung in den Werkhof trage. Ich habe das Populismus-Paper korrekt zu alle dem anderen belanglosen Papier gelegt. Gratis. Auch ohne Chur-Card. Für die Mannen gabs ein Lächeln und was in die Kaffeekasse. Für mich im Resulat deutlich bessere Laune. Tschakka!

PS: Sollten Rückzugsorte in Ihrem Leben schwierig aufzufinden sein: Das Tigernestkloster in Bhutan hat vielleicht noch ein Zimmer frei. Schneller geht’s mit einem upgecycelt, selbst gemachten Waku Waku Mumienschlafsack: reinkriechen, unterm Bett verstecken, zumachen. Gut Ruh!

(Bild: Pixabay)

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