Wie genau wird eigentlich ein Geschirrspüler befüllt? Wer das nie erlernt hat läuft Gefahr, unhygienisch, unökologisch, unhaushälterisch zu waschen und Sprühschatten zu fabrizieren, einen nach dem anderen. Ausreden à la «so ne Maschine hatten wir damals in den Achtzigern nicht!» hauen nicht hin. Der aufgeklärte Mensch der Hashtag-Postmoderne muss ja nichts wissen, um zu Wissen zu kommen. Nur weiss er nicht immer, ob das, was er da meint zu wissen, Wissen ist. Dem Wikiprinzip sei Dank. Und so lerne ich nach kurzer Lektüre, wie Geschirr eigentlich praktischerweise korrekt in die Körbe gelegt wird. Natürlich vorgespült. Grober Schmutz gehört in den Haushaltmüll und nicht in die Toilette, Gabeln und Messer stehen stets aufrecht und die Teller liegen lässig im 88°-Winkel da, wo sie sollen. Und vor jedem Waschgang sind gemäss Anleitung «die Dreharme auf freies Bewegen zu prüfen.» Da niemand zuhause ist, gehe ich die Checkliste beflissen durch und fühle mich wie ein Pilot beim Preflight-Check: chic sieht das aus. Flugs gedreht am Sprühärmchen, ertönt ein souveränes «checked!». Und weiter.

 

Die Beschäftigung mit der Haushaltshilfe schafft Zeit, entschleunigt den Alltag und regt beruhigend zum Nachdenken an. Das Maisauwetter bietet kaum Alternativen. Derweil via Messenger neue Statusmeldungen aufblitzen. Allesamt von Menschen, welche mich, dich, ja vielleicht sogar sich selbst darüber informieren wollen, wo sie sind, wie sie sind, was sie sind und was sie gerade tun. Oder nicht tun. «Ein Hoch auf die Errungenschaften!», denke ich mir, schaue den Dämonen in die Augen und zieh mir Fotos, selten Texte und animierte GIFs rein. Exklusive Momente anderer, als Einsen und Nullen in eine gar flüchtige Existenz gebannt. Die Tagesfliegen der Ich-Kultur enthüllen fantastische Einsichten: Céline K. beim Einkauf mit Baby J., das so süss lächelt. Die Bio-Gurke lächelt mit, die unfreiwillig ins Bild geratenen, in braunen Strumpf gepressten Füsse der Dame zur linken weniger. Paul M. mag Fische und zeigt uns selbstgebastelte Fangfliegen vor Engadiner Nebelschwaden. Langweilig. Martin C. rückte Stunden zuvor seine Bierflasche ins rechte Licht; dass er selbst dahinter affig aussieht, scheint ihn nicht zu kümmern. Das Bild ist kein Rembrandt, nichts für die Ewigkeit. Nicht mal annähernd sehenswert. Die schiere Info, dass der in die Jahre Gekommene sich noch die Nächte um die Ohren schlägt, soll die voyeuristische Gemeinschaft beeindrucken, vermag das stundenlange Solo an der Theke aber gleichsam nicht zu leugnen. Denke es mir und wische weiter. Bianca, im Urlaub, trägt neue Fussnägel mit silber-funkelnden Airbrush-Akzenten in alten Latschen. Und einen ausgeprägten Halux valgus, was sie aber nicht zu kümmern scheint. Thomas beim Fussball, Ulrike an der Möbelmesse, Rosmarie im Blumenbeet und Hündin Xinda beim Pieseln: Ist das Leben nicht reich an Schätzen? Einzig wertvolles Gut der Statusrecherche ist Genosse D.s Beitrag zum fünften March against Bayer & Syngenta. Immerhin in Basel gehen die Leute noch regelmässig auf die Strasse. Kinder schwirren als Bienen verkleidet mit, der dynamische Schnappschuss mit wortgewaltigen Bannern im Hintergrund hat bildenden Charakter. Tagessieger! Eindeutig.

 

Die Bilderbücher aus der Grossküche der selbstverliebten Erwachsenengesellschaft ermüden mich. Ich wende mich wieder meiner nicht-dekorfähigen Spülmaschine zu, räume die Körbe aus dem sechzig mal sechzig mal einundachtzig Zentimeter Raumwunder leer und freue mich über nebensächliches Herausgrübeln der mehrfach durchgegarten Karotten im Sieb. Und über die neckischen Lichter in Spaceblau. Manchmal, gerne an Regentagen, kann einem die Welt egal sein. Nur nervt, dass Tupperware im Spüler niemals trocknet. Niemals. Was bleibt, sind offene Fragen: Löscht das Licht im Spüler während des Waschgangs? Wann und wie geht die Spülmittelklappe auf? Und wie bringe ich mich und den Spüler passend aufs Statusbild?

 

PS: Der Stadt und den Räten gratuliere ich aufrichtig zum Abstimmungsergebnis in der Bergbahnfrage. Wird das leuchtende Beispiel für innovative Tourismusförderung und unternehmerische Weitsicht in ferner Zukunft schulterklopfend eingeweiht, freue ich mich über eine Einladung zum Apéro riche, irgendwo neben P 1347. Einen Platz in der Gondel brauchen die Verantwortlichen aber nicht zu reservieren – wir kommen zu Fuss; Protestlein wandert mit.

(Bild: Pexels)

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