Freitag. Ich trete ein, ins traute Heim und schreite, wie immer freitagabends, an die Bar, um drei Spirituosen in ausgeglichenem Mengenverhältnis zu einem Negroni zu mischen. Fünf Eiswürfel kühlen den Drink, ein Spritzer Orangensaft – ganz squeezy – bringt Frische ins bittere Spiel. Ich fühle mich wie Jamie Oliver, derweil ich das Kaminfeuer entfache. Ich verzichte auf die praktischen Zündwürfel, nutze stattdessen die Bündner Tagespresse als Zunder. Die liegt hier eh nur unmotiviert herum. Wie ich aber die Feuerstelle bereit mache, erblicke ich mir
bekannte Gesichter. Ich brauche einen Moment, bis ich sie zweifelsfrei identifizieren kann, wirken sie doch in ihrem blau-grauen Gewand etwas fahl. Vor meinem geistigen Auge erscheint neonweiss-flackernd ein Schriftzug im Hintergrund der Szenerie: DIE NEUTROS! Muss mich zwicken und erkenne sodann die Runde: allesamt Vertreterinnen und Vertreter der Bündner SP. Ich bringe es nicht übers Herz, den Genossinnen und Genossen Feuer unterm Hintern zu machen, rette den Artikel aus der misslichen Lage und lese. Wow! Die wollen alle nach Bern. In den Vorhof des politischen Olymps. Mich freut es, gleichzeitig sorge ich mich. Ich höre üble Nachrichten aus den Landen im Westen! Hintergrund: Findige Berner Milizpolitisierende bürgerlicher Couleur fordern eine Reduktion der Sozialhilfe. Aargau und Basel-Landschaft blasen ähnlich derb ins gleiche Horn. Acht bis dreissig Prozent weniger sollen es sein. Da frage ich mich, was das eigentlich soll. Die Armen dieses Landes ausquetschen wie eine Negroni-Orange und mit Anreizsprüchen volllabern. Hallo! Geht’s noch!

Schweizer Normalos werden in der Regel weniger mit Menschen zu tun haben, die Sozialhilfe empfangen. Das ist nicht weiter schlimm. Haben sie es aber doch, werden sie schnell bemerken, dass die eigentliche Nothilfe, dieses letzte Auffangnetz, den Menschen kein komfortables Leben beschert. In die Sozialhilfe geht niemand freiwillig! Die wenigen, zu Propagandazwecken missbrauchten Missbrauchsfälle sind vernachlässigbar und in den Händen
der Professionellen Sozialer Arbeit mehr als gut aufgehoben.
Es greift ein alter Mechanismus: Die Soziale Arbeit muss sich – einmal mehr – rechtfertigen und die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) ist gefordert, medienwirksam und wissenschaftlich fundiert Stellung zu beziehen. Das macht sie unter der Leitung des aktuellen Ko-Präsidiums von Therese Frösch und Felix Wolffers übrigens hervorragend. Und wer sich nicht auskennt, soll auf deren Webseite nachlesen.
Im Kern treffen die Angriffe von bürgerlicher Seite einen sensiblen Punkt im gesellschaftlichen Gefüge. Genauer: Errungenschaften dieses Landes werden torpediert. Obschon sie viel zum sozialen Frieden beigetragen haben und der Präambel der Bundesverfassung, dass die Stärke des Volkes am Wohl der Schwachen sich messe, Rechnung tragen. Kürzungen der eh schon zu gering bemessenen Sozialhilfe träfen zudem viele Kinder, welche in armutsbetroffenen Familien aufwachsen. Die Schwächsten noch mehr geisseln und sie dann später in der Schule als bildungsfern bezeichnen: Das ist verwerflich, unschweizerisch, unmenschlich!
Die steigende Sozialhilfequote ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist ein hausgemachtes Problem. Sie sagt auch etwas über die Unfähigkeit unserer Politikerinnen und Politiker aus, Geschäfte im Sinne eines echten Fortschritts gemeinsam zu bearbeiten. Und dabei etwas Kreativität walten zu lassen. Einige Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Sicherung haben wir der einfallslosen bürgerlichen Einbahnstrassen-Sparpolitik zu verdanken. Und einer zu braven Linken. An John Rawls Theorie der Gerechtigkeit sei an dieser Stelle erinnert: Wird demnach Ungleiches gleich behandelt, bleibt es ungleich. Ja, wir müssen über die Frage der sozialen Sicherung diskutieren. Das ist wichtig. Aber die Solidarität mit den Schwachen in unserem Lande ist meiner Ansicht nach unantastbar. Also: Finger weg! Klüger wäre es, die Auseinandersetzung mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen – meinetwegen gerne kontrovers – zu suchen. ‹Soziale Gerechtigkeit› sei in den letzten Jahren, wie Ueli Mäder in seinem Buch ‹macht.ch› feststellt, harsch kritisiert worden. Ich halte mit ihm dagegen und plädiere dazu, sie zu verteidigen. Auch im Sinne einer menschenzugewandten Politik.

Das Feuer flackert vor sich hin. Eine Eilmeldung erreicht mich über das Funktelefon. Ich erschrecke: Die Bilder der Albisgüetliparty lassen mich schaudern. Das halbleere Negroni-Glas fällt auf den Tisch und zerbricht. Langsam, ja fast schon anmutend, fliesst das Destillat auf den Artikel der Neutros und taucht die Protagonistinnen und Protagonisten in sanftes Rot. In mir keimt Hoffnung auf! Vielleicht schaffen just sie es, die Entwicklung im Westen von Graubünden fernzuhalten. Und in Bundesbern nach dem (den) Rechten zu sehen. Und endlich mal wieder Farbe zu bekennen! Alles andere wäre bitter. Ich lehne zurück in meinen Sessel. Schaue ins Feuer. Und singe leise: «hmmhmm… questo il fiore – del partigiano – o bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – hmmhmm…»

PS: Dem PS zuliebe.

PPS: Mein Bekannter schrieb kürzlich in einer Whats-App-Nachricht, dass meine Kolumne absolut unverständlich sei. Ich riet ihm, jeweils nur den ersten und den letzten Satz zu lesen. Er ist jetzt ein begeisterter Leser. Versuchen Sie es ungeniert auch einmal.

 

(Symbolbild: GRHeute)