Wer hat sich nicht schon beim Gedanken erwischt „Früher war alles besser“. War es das wirklich – oder sind wir aus Nostalgie auf einem Auge blind und unser emotionales Gedächtnis entführt uns in eine nie da gewesene Zeit? Eine amerikanische Studie zeigte Ende des letzten Jahrhunderts auf, dass wir schlechte Erinnerungen vergessen, aber gute Erinnerung behalten. Dieser Umstand verstärkt sich mit zunehmendem Alter. Der logische Schluss daraus ist: unsere Vergangenheit besteht oft aus einer vermeintlich grandiosen Geschichte. Eine Sehnsucht, die Marketingprofis in ihre Kommunikationsstrategie einpflegen. In Wien, London und Los Angeles blüht das Geschäft mit Retro-Radiogeräten, mit Blechspielzeug und Nostalgie-Stofftieren. Seit dem weltweiten Erfolg der TV Serie Babylon Berlin sind in Wien, Zürich und Berlin mit Goldstaub durchtränkte Nächte wieder en Vogue, in denen moderne Nostalgie zu Ehren von Helden vergangener Nächte in Vollendung zelebriert werden. Ein Beispiel dafür ist die Bohème Sauvage. Inspiriert durch die französische Belle Epoque, die Berliner Wilden Zwanziger und die Amerikanischen Swingin’ Thirties, wird hier von Gästen aller Altersgruppen ein vergangenes Zeitalter bis in die frühen Morgenstunden hinein gelebt.

Die rauschenden Nächte der 20iger und 30iger Jahre entwuchsen der Erleichterung einer Gesellschaft, die den ersten Weltkrieg überlebt hatte. Überschwänglich und voller Leidenschaft feierten sie das Leben – mit allen kriminellen und mafiosen Nebengeräuschen die Kriegswirren so hinterlassen. Heute suchen wir wieder die Welt der Romantik und Nostalgie, auch wenn das Lebensgefühl ein anderes ist. Die Orientierungslosigkeit von Politik und Wirtschaft, die ohne Social Responsibility, ohne erkennbare Werte oder Visionen die Zukunft für sich alleine reklamieren, hinterlässt in der Gesellschaft Ohnmacht, Unsicherheit und Unzufriedenheit. Dies wiederum lässt uns zurückschauen und eintauchen in die vermeintlich guten alten Zeiten.

An der Bohème Sauvage in Berlin sind alle Sprachen Europas zu hören. Vom Rechtsanwalt zum Arzt bis zum Brillen-Designer ist nahezu jede Berufsgattung vertreten – spannende Gespräche inklusive. Die Kleiderordnung ist im Chic der zwanziger Jahre, ein Hauch von Fin de Siècle Melancholie, Handys müssen zu Hause bleiben und wer sich nicht daran hält, dem wird eine Strafe von 25 Millionen Reichsmark auferlegt. Die Bohème Sauvage stellt jedoch kein Anspruch auf absolute Authentizität, sondern vielmehr auf Stil und Geschmack, der durch besagte Ära inspiriert ist und lockt Menschen von weither an. So erklärte eine Bankerin aus London, sie und ihr Mann kämen extra für ein Weekend nach Berlin, um dieses einzigartige Lebensgefühl zu geniessen und zu leben.

So haben es die Veranstalter geschafft, in mehreren über Europa verteilten Metropolen eine Sehnsuchtswelt zu kreieren, die Träume wahr werden und den Alltag vergessen lässt. Und wenn dann noch Menschen dazu mit dem Flugzeug anreisen, in Hotels übernachten, über Tage die Kultur und Gastronomie geniessen und mit vollen Einkaufstaschen zurückfliegen, ist das für alle Seiten ein Erfolg.

Grosse alte Hotels wie die Schatzalp im Davos, das Kurhaus in Bergün oder das Waldhaus in Sils wären prädestinierte Kulissen für solche Träume. Aber auch leerstehende Bündner Kureinrichtungen aus der Belle Epoque könnten temporär mit etwas Mut, Fantasie und Engagement zu einer Zeitreise in die Vergangenheit einladen und so dem Tourismus der Gegenwart etwas vom verlorenen Glanz aus alten Tagen zurück geben. Wenn im Bündnerland Sehnsüchten und Träume wahr werden und damit eine Touristische in Wertsetzung einhergeht, wäre einiges richtig gemacht worden. Hat denn schon jemand den Slogan „Sehnsuchts-Tourismus“ für sich reklamiert?

Die Tourismus-Total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.

Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Ditti Bürgin-Brook, la siala entertainment GmbH.

 

(Bilder: Else Edelstahl fotografiert Heinrich v. Schimmer/Helmut Hellmund fotografiert von Hendrik Schneller)