Je früher Kinder eine fremde Sprache lernen, desto besser, heisst es. Stimmt. Aber nur, wenn sie die Sprache auf ihre Weise lernen dürfen, wenn die Sprache in ihren Alltag eingebettet ist, wenn die Kinder ausgedehnte Erfahrungen in einem ständigen sprachlichen Austausch mit Eltern und mit anderen Bezugspersonen machen können. Diese Art, eine fremde Sprache ganzheitlich zu erlernen, wird als synthetischer Spracherwerb bezeichnet. Er ist in den ersten Lebensjahren am stärksten, nimmt im Verlaufe der Schulzeit deutlich ab und erschöpft sich in der Pubertät weitgehend. An seine Stelle tritt der analytische Spracherwerb, wie er uns aus der Oberstufe wohlvertraut ist. Ein Spracherwerb also, der hauptsächlich im Auswendiglernen von Wörtern und im Erlernen von Grammatikregeln besteht.

Doch bis zum Alter von zwölf Jahren sind Grammatikregeln – selbst im Deutschunterricht – erfahrungsgemäss ein Buch mit sieben Siegeln. Erst mit dem Einsetzen des abstrakten Denkens in der Oberstufe nimmt das bewusste Verständnis für die Gesetzmässigkeiten der Sprache zu. Damit setzt die Fähigkeit zum analytischen Spracherwerb ein. Kindern auf der Primarstufe eine Fremdsprache analytisch beibringen zu wollen, ist, so gesehen, ein pädagogischer Sündenfall.

Die Frühfremdsprachen konnten die Erwartungen, welche die Bildungspolitiker geweckt hatten, nie erfüllen. Berücksichtigt man die Kriterien für einen erfolgreichen Spracherwerb, war ein Scheitern unvermeidlich. Hier ein Wort, dort ein Reim, da ein Lied mag für die Kinder unterhaltend und anregend sein, sprachkompetent werden sie dabei nicht. Dafür ist der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule mit seiner minimalen Stundendotation viel zu isoliert. Da kommen die Kinder auch mit der grössten Motivation auf keinen grünen Zweig. Es wäre deshalb höchste Zeit für das Eingeständnis, dass die Primarschule in den letzten Jahren einen kostspieligen und nicht kindgerechten pädagogischen Irrweg eingeschlagen hat.

 

Prof. Dr. Mario Andreotti, Literaturwissenschaftler und Dozent, Eggersriet