Eine konsequente und zielgerichtete Nachwuchsförderung ist zweifellos in allen Bereichen ein absolutes Muss, um früher oder später Erfolg zu haben. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die berufliche, sondern auch für die sportliche Ausbildung der Jugendlichen. Gerade im Sport ist der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg aber sehr schmal und oftmals kommt es trotz grosser Anstrengungen schliesslich doch nicht so heraus, wie es ursprünglich einmal geplant war. GRHeute hat sich mit diesem komplexen Problem etwas näher befasst.

Eine qualitativ hochstehende Nachwuchsförderung in Vereinen, Verbänden, Leistungszentren oder individuell bildet also die Grundlage für Spitzenleistungen. Auch in unseren Breitengraden werden sportbegeisterte Jugendliche mit beträchtlichem finanziellem und zeitlichem Aufwand gefördert in der Hoffnung, irgendwann einmal die Ernte einfahren zu können.

Man ist sich heute bewusst, wie wichtig es ist, vor allem im Nachwuchsbereich die besten Trainer und Coaches einzusetzen, denn gerade auf dieser Altersstufe wird in technischer, taktischer und mentaler Hinsicht die Basis für eine optimale sportliche Entwicklung gelegt, die ja später auch im Aktivbereich weitergehen soll. Vor allem der mentale Bereich wird heute aber noch unterschätzt, denn die Jugendlichen sollen neben dem technischen und taktischen Rüstzeug auch lernen, eine gewisse Selbständigkeit zu erlangen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Damit ist gemeint, dass sich auch schon der Nachwuchs auf eine bevorstehende Spielsituation vorbereiten und sich nicht auf den Coach konzentrieren soll, der sich an der Linie in Szene setzt und fortwährend wild gestikulierend Fehlerkorrektur betreibt. Die Fehleranalyse und die darauf basierenden Korrekturen können immer noch in einem Timeout, in der Pause oder spätestens im Training erfolgen. Zudem sollen die Jugendlichen auch ihre eigenen Erfahrungen, Eindrücke und Ideen in die Trainings- und Wettkampfgestaltung einbringen können, denn ein regelmässiger Austausch gewährleistet, dass immer gezielt an den Schwächen gearbeitet werden kann.

Nachwuchsförderung ohne Leistungsziel ist reiner Selbstzweck
Mit dieser Schulung und gleichzeitig Stärkung des Selbstbewusstseins sollte es den Jugendlichen dann eigentlich leichter fallen, den nicht zu unterschätzenden riesigen Schritt vom Nachwuchs- in den Aktivbereich ohne Karriereknick zu bewältigen. Vor allem in den Mannschaftssportarten wäre es zweifellos hilfreich und motivierend, wenn die Juniorinnen und Junioren im eigenen Verein eine sportliche Perspektive hätten und überhaupt die Chance erhalten würden, sich bei den Aktiven zu behaupten. Dabei sollte wenn möglich immer die sportliche Leistung die Entscheidungsgrundlage sein.

Das frühere Postulat „Erziehung zum Sport und Erziehung durch den Sport“ tönt heute vielleicht etwas abgedroschen, hat aber seine Gültigkeit bewahrt. Generell ist es wichtig, den Nachwuchs zu fördern und zu fordern, aber nicht zu überfordern. Wenn also ein Leistungsziel erreicht ist, ist umgehend ein neues zu definieren und das Training dementsprechend anzupassen. Vor allem in körperlicher Hinsicht ist es aber ratsam, geduldig zu sein und Vorsicht walten zu lassen, um nicht Fehl- und Überbelastungen des Bewegungsapparates zu riskieren. Und für die Verbesserung der Physis bietet sich später ja immer noch Zeit und Gelegenheit.

Konzentration auf das Wesentliche       
Auffallend ist, dass oft nicht die hochgepriesenen Talente, die aufgrund ihrer körperlichen Vorteile oder anderer positiver Eigenschaften schon in jungen Jahren mit recht geringem Aufwand grosse Erfolge haben feiern können, später einmal Karriere machen und dann absolute Spitzenleistungen erbringen, sondern die Athletinnen und Athleten der zweiten Garnitur, die bereits frühzeitig lernen mussten, zu kämpfen, sich jeden Fortschritt hart zu erarbeiten und denen somit nichts geschenkt wurde. So verglühen immer wieder Sterne am Himmel, bevor sie überhaupt zu leuchten begonnen haben.

Natürlich sind gelegentliche Erfolgserlebnisse auch im Nachwuchsbereich erfreulich und können sich leistungsfördernd auswirken. Aber sie sollten stets in den richtigen Rahmen gestellt und nicht überbewertet werden. Es geht ja nicht in erster Linie um die sportliche Erfolgsbilanz eines Trainers oder ehrgeiziger Eltern, sondern vielmehr um die Weiterentwicklung eines Jugendlichen oder auch eines Teams. Das eigene Ego ist deshalb im Interesse der Sache immer hintenan zu stellen.

Was alle diese Ausführungen mit der Nachwuchsförderung in Graubünden zu tun haben, soll und kann jeder selbst zwischen den Zeilen herauslesen, der in letzter Zeit die sportliche Entwicklung in unserem Kanton und vor allem in Chur verfolgt hat. Es führen zwar viele Wege nach Rom, aber es gibt auch viele Ab- und Umwege, sodass die sportliche Ausbeute trotz gutem Willen und grossen Anstrengungen bescheiden ist, was frustrierend wirkt. Es gibt aber kein allgemein gültiges Rezept, dafür einige Grundsätze, die erfolgsversprechend sein könnten.

 

(Bild: Jürg Kurath)