Gemäss Aussagen des Bundesamtes für Strassen (ASTRA) stand der Verkehr im Jahre 2017 fast 26‘000 Stunden still. Um diese Staustunden, resp. das steigende Verkehrsaufkommen zu reduzieren, erwägt Jörg Röthlisberger, der Chef des ASTRA, im Limmattal zu prüfen, einen Teil der A1 doppelstöckig zu führen. Weiter steht am Baregg eine vierte Tunnelröhre im Vordergrund seiner Überlegungen. Das gegenwärtige Bauprogramm des Bundes für die Verbesserung der Infrastruktur des schweizerischen Strassennetzes beträgt 13 Mrd. Franken. Gleichzeitig erwartet der Bund bis 2040 ein Verkehrswachstum von 20 Prozent. Damit drohen diese Massnahmen gleich wieder zu verpuffen.

Der Bau der dritten Röhre am Baregg hat gezeigt, dass wir mit dem Ausbau des Strassennetzes den Verkehr in der Schweiz nicht reduzieren sondern das Gegenteil bewirken. Es kommt somit einem Schildbügerstreich gleich, noch eine vierte Röhre am Baregg zu bauen. Aus den USA und Japan wissen wir, dass doppelstöckige Autobahnen zum Verkehrsfluss beitragen, es aber dafür an den Ausfahrten zu enormen Staus kommt. Die Quintessenz dieser Entwicklung ist das steigende Verkehrsaufkommen des Individualverkehrs mit einer entsprechenden Umweltbelastung.

Die Grünliberalen haben vor einigen Jahren eine Initiative lanciert, die Mehrwertsteuer durch eine Energiesteuer zu ersetzen. Auch wenn diese Initiative vom Schweizer Volk verworfen wurde, war der Grundgedanke dieses Ansinnens richtig. Nämlich die Erhöhung des Preises für die Energie, resp. die Internalisierung der externen Kosten oder anders ausgedrückt, die Berücksichtigung der Umweltkosten nach dem Verbraucherprinzip. Aufgrund des verhältnismässig niedrigen Preises für Benzin und Diesel wird heute zu viel Auto gefahren. Wenn wir beobachten, wie viele Menschen täglich alleine im Auto zur Arbeit fahren, müssen wir uns überlegen, ob wir nicht in diesem Bereich Lenkungsmassnahmen einführen müssen. So könnte beispielsweise ein Arbeitgeber Mitarbeiter honorieren, die in ihrem Fahrzeug weitere Mitarbeiter an den Arbeitsort mitnehmen.

Auch automatisiertes Fahren mit einem selbstfahrenden Fahrzeug ist keine Massnahme gegen das Verkehrsaufkommen. Denn wenn aufgrund unserer hochautomatisierten Fahrzeuge der Fahrzeuglenker in gewissen Fahrsituationen, beispielsweise auf Autobahnen, Mails bearbeiten kann, trägt dies zwar dazu bei, die Staustunden effizient zu gestalten, nicht aber den Stau zu lindern. Im Gegenteil, wenn der Autofahrer während seiner Anfahrt zum Arbeitsort seine Zeit für die Erledigung von Arbeiten nutzen kann, ist dies zwar von Vorteil, er möchte dies dann bestimmt ungestört tun und wird somit nicht animiert, weitere Personen in seinem Fahrzeug mitzuführen.

Wir brauchen in der Schweiz weder doppelstöckigen Autobahnen noch selbstfahrende Fahrzeuge. Was wir brauchen ist ein kostengünstiges und effizientes Schienennetz und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Weiter sollten wir nach dem Vorbild der norwegischen Städte wie Bergen, Oslo und Trondheim das „Road Pricing“ einführen, das heisst, dass beispielsweise das Autofahren während den Verkehrsstosszeiten teurer ist, als während Zeiten mit weniger Verkehr. Dies führt zu einem Umdenken für manchen Autofahrer. Zudem könnten die Einnahmen aus dem „Road Pricing“ in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs investiert werden.

Wir wissen, dass Verhaltensänderungen des Menschen meist nur vollzogen werden, wenn der Leidensdruck zu gross wird. Wird also der finanzielle Leidensdruck für den Autofahrer aufgrund des Energiepreises oder der Strassenbenutzungsgebühr zu hoch, wird ein Umdenken stattfinden. In diese Richtungen sollten auch die Überlegungen des ASTRA gehen.

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(Bild: GRHeute)