Anlässlich der Debatte über die Primarfremdsprachen verpasst Graubünden gleich mehrere Chancen, den Fremdsprachenunterricht zu stärken.

Die deutliche Ablehnung der Fremdspracheninitiative durch den Grossen Rat kam nicht überraschend: Schliesslich erklärte dasselbe Gremium vor drei  Jahren die Initiative für ungültig. Wie erwartet konnte eine Mehrheit auch diesmal nicht über ihren eigenen Schatten springen und hielt sich lieber diszipliniert an die Vorgaben der Regierung. Damit musste man sich nicht in die Nesseln setzen und ersparte sich eine weitere Auseinandersetzung mit diesem unliebsamen Thema. 

Die inhaltliche Auseinandersetzung hätte sich zweifellos gelohnt, denn auf dem Spiel stehen nichts weniger als bessere Sprachenkenntnisse der Bündner Jugendlichen. Grossrätin Martha Widmer (BDP) schlug vor, in den romanischen und italienischen Sprachgebieten ab der ersten Klasse einen immersiven zweisprachigen Unterricht (Romanisch/Deutsch, bzw. Italienisch/Deutsch) einzuführen. Ab der 5. Klasse sollte dann im ganzen Kanton obligatorisch mit Englisch begonnen werden. Diese Variante verknüpft die Forderungen der Fremdspracheninitiative (nur noch eine Primarfremdsprache in Deutschbünden) mit den Bedürfnissen der beiden anderen Sprachregionen. Neben den positiven Erfahrungen mit dem immersiven Unterricht würde ausserdem der Englischunterricht für alle Kinder im Kanton in der 5. Primar beginnen.

Dieses Konzept wäre ein schweizweites Novum gewesen: Einerseits flächendeckender Zweisprachenunterricht, andererseits eine sinnvolle Reduktion auf nur eine Fremdsprache in Deutschbünden. Graubünden wäre mit einem Schlag sprachpädagogisch an die nationale Spitze gestürmt. Allerdings wäre für eine vertiefte Diskussion mehr Zeit notwendig gewesen, was BDP-Grossrat Andy Kollegger dem Rat beantragte. Der Grosse Rat wollte davon nichts wissen. Das Motto lautete: Lieber versenken als nachdenken! Denn was in Chur, Domat/Ems, Ilanz oder Samedan mit ihren immersiven Sprachklassen gilt, soll für die anderen Regionen weiterhin nicht gelten dürfen. 

In der Sprachendebatte ist  viel von Diskriminierung zu hören. Auch im Grossen Rat wurde befürchtet, dass Romanisch- und Italienischbünden durch die Fremdspracheninitiative benachteiligt werden. Offenbar ist gegen diese Sichtweise sogar das Bundesgericht machtlos.  Dieses stellte unmissverständlich fest, dass die Initiative eine allgemeine Anregung ist, die diskriminierungsfrei umgesetzt werden kann. Der Gegenvorschlag von Grossrat Roman Hug  nahm die Bedenken hinsichtlich des Englischunterrichts ernst und wollte an der Primarschule nur noch eine Fremdsprache und zwar eine Kantonssprache. Der Gegenvorschlag hätte die Diskussion versachlicht und dem Wähler eine Auswahl präsentiert. Aber auch diese wertvolle Diskussion wollte der Grosse Rat vermeiden und lehnte deshalb auch den Gegenvorschlag ab.

Die Bündner Legislative verharrt in Immobilität: Nicht nur lehnt sie eine Verschiebung zu Gunsten einer Lösungsfindung und den Gegenvorschlag ab, selbstverständlich will sie auch nichts wissen von der eigentlichen Fremdspracheninitiative. Doch es genügt nicht, den Kopf in den Sand zu stecken: Die Probleme des Bündner Fremdsprachenmodells sind offenkundig: Keine geeigneten  Lehrmittel, Wörtchenbüffeln und Notendruck in der Primarschule, frustrierte Eltern, Lehrer und Kinder. Nach 18 Jahren wirkungslosem Primaritalienisch und den immer gleichtönenden Vertröstungen ist es jetzt an der Zeit, bessere Lösungen zu finden. Eltern, Lehrer und besonders die als Versuchskaninchen missbrauchten ehemaligen Schulkinder haben nun die Chance diesen Missstand zu beheben. Die Fremdspracheninitiative bringt die nötige Sprachentlastung, stärkt die Muttersprache und schafft die dringend nötigen Zeitgefässe für die korrekte Umsetzung des Lehrplans 21. 

Urs Kalberer
Initiativkomitee der Fremdspracheninitiative