Immuntherapie – Dem Körper helfen, sich selbst zu heilen

Die Krebstherapie beruht heute auf drei Säulen: Der Operation mit Entfernen des Tumors respektive der Krebszellen, zweitens der Strahlentherapie und drittens der Behandlung mit Medikamenten. Bis Anfang der 2‘000er-Jahre bestand die medikamentöse Behandlung fast ausschliesslich aus Chemotherapie. 

Chemotherapie heisst, dass Krebszellen mit Zellgift bekämpft werden. Dieses Gift hat natürlich auch Einfluss auf die gesunden Zellen rundherum. Da sich diese gesunden Zellen schneller erholen als Tumorzellen, kann der Krebs im Idealfall bezwungen werden und der Körper erholt sich von den Kollateralschäden der Chemotherapie.

Was tut unser Immunsystem?

Seit einigen Jahren werden im Bereich der Immuntherapie bei Krebs enorme Fortschritte gemacht. Doch was bedeutet Immuntherapie? Grundsätzlich geht es darum, den Körper zu befähigen, defekte Zellen (Fehlkopien) aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu gehören auch die Krebszellen. Die Aufgabe unseres Immunsystems klingt relativ einfach. Seine Aufgabe ist es, «eigen» und «fremd» zu unterscheiden und dann das Fremde zu bekämpfen. Clevererweise hat das Immunsystem auch eine Bremse. Das ist ein natürlicher Schutz. Läuft unser Immunsystem lange Zeit auf vollen Touren, besteht die Gefahr, dass es unseren eigenen Körper anzugreifen beginnt und damit sogenannte Autoimmunerkankungen entstehen.

Krebszellen als «fremd» erkennen

Bereits vor rund 100 Jahren entstand die These, dass das Immunsystem nebst Viren und Bakterien wohl auch Krebszellen abwehren könne. Die Herausforderung dabei: Dem Immunsystem zu zeigen, welche Zellen es bekämpfen soll und welche nicht. Weil Krebszellen aus unserem Organismus wachsen, hat die Medizin lange geglaubt, dass das Immunsystem Krebszellen gar nicht als fremd erkennen kann.

Die sogenannten T-Lymphocyten haben in unserem Körper die Aufgabe, kranke Zellen zu zerstören. T-Zellen haben verschiedene Rezeptoren, die Freund von Feind unterscheiden. Krebszellen konnten den T-Lymphocyten bisher vorgaukeln, gesund und damit «Freund» zu sein. In den Neunzigerjahren gelang es im Labor zum ersten Mal, Krebszellen für T-Lymphocyten erkennbar zu machen. 2011 kam das erste Medikament auf den Markt.

Bei wem wirkt die Therapie?

Heute wirkt die Immuntherapie bei 20 bis 30 Prozent der Patienten. Bei denen ist die Wirkung aber intensiv und langanhaltend. Nun ist eine der aktuellen Forschungsfragen die nach den Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob eine Immuntherapie wirkt oder nicht. Wie erkennt man, wem eine Immuntherapie nützt? Wenn diese Fragen beantwortet sind folgt daraus die nächste: Unter welchen Umständen kann man die restlichen 70 bis 80 Prozent dazu führen, dass die Behandlung bei ihnen auch wirkt? Das Ziel ist klar. Ein Immuntherapie-Cocktail auf den einzelnen Patienten zugeschnitten. Wir stehen am Anfang einer riesengrossen Entwicklung. Weltweit laufen im Moment mehr als 1‘000 Studien im Bereich Immuntherapie.

Hohe Kosten für komplexe Forschung

Immuntherapien sind heute noch enorm teuer. Für einzelne Patienten fallen nicht selten Kosten im sechsstelligen Bereich an. Dies beruht auch darauf, dass diese Hightech-Forschung enorm teuer ist und teils massive Rückschläge zu erwarten sind. Es gilt hier festzustellen, dass Forschung durch die Pharmaindustrie aber auch durch unabhängige klinische Forscher vorangetrieben wird. Eine wichtige Rolle der akademischen klinischen Forschung nimmt die SAKK (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für klinische Krebsforschung) ein.

Gleiches Ziel – unterschiedlicher Antrieb

Die unabhängige akademische Forschung hat andere Interessen als die Forschung der Pharmaindustrie. Natürlich wollen beide eine Krankheit erfolgreich bekämpfen. Die Pharmaindustrie muss gleichzeitig aber auch den eigenen Betrieb am Laufen halten und ist darauf angewiesen, erfolgreich zu wirtschaften. So ist es zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ein Pharmaunternehmen eine Studie unterstützt, die beweisen will, dass eine Therapie gleich wirksam und vielleicht weniger toxisch ist, wenn das dazugehörige Medikament seltener oder in kleinerer Dosierung verabreicht wird. Solche Studien müssen die Unterstützung – auch finanziell – von Gesellschaft und Gesundheitssystem erhalten.

Eine Idee für eine Finanzierung wäre es, von jedem verkauften Krebsmedikament einen Franken in die unabhängige Forschung zu investieren. Wenn es um die Forschung geht, wird die Diskussion jedoch schnell philosophisch und es stellen sich beispielsweise Fragen danach, wie sich die Gesellschaft verändern müsste oder welchen Wert ein einzelnes Menschenleben hat.

Der Klassiker: Vorbeugen statt heilen

Bei aller Komplexität der Thematik lässt sich am Ende wie so oft eines der geläufigsten Bonmots der Medizin verwenden: «Vorbeugen ist besser als heilen». Das gilt auch beim Krebs. Durch eine gesunde Lebensweise lassen sich die Faktoren minimieren, die eine Krebserkrankung begünstigen. Ausgewogene Ernährung, nicht rauchen, das Sonnenbad gut eingecremt geniessen, Alkohol in Massen trinken. Eigentlich sind es einfache Massnahmen, die ein jeder umsetzen kann, um sein Krebsrisiko kleinstmöglich zu halten.

 

Info

Weitere Informationen erhalten Sie im:

Kantonsspital Graubünden
Departement Medizin – Onkologie/Hämatologie
Prof. Dr. med. Roger von Moos, Chefarzt Onkologie/Hämatologie
Loëstrasse 170
CH-7000 Chur

Tel. +41 81 256 66 46
E-Mail: onkologie@ksgr.ch 
https://www.ksgr.ch/onkologie.aspx 

 

(Bild: zVg./KSGR)