Die Schweizer Hockey Nati verliert an den olympischen Spielen in der ersten Playoff-Runde und muss nach Hause. Erneut. Woran liegt das klägliche Scheitern? Fünf Gründe, wieso die Eidgenossen auch in Pyeongchang die Anforderungen nicht erfüllen konnten:

 

1.     Die Schweizer Überheblichkeit

„Die Matrazen sind für manche der schwereren Spieler oder solche mit Rückenbeschwerden zu hart. Wir brauchen mindestens drei neue Matratzen. Wir haben ein paar Adressen für Matratzen-Shopping erhalten, da bestellen wir uns nun neue“, erklärte Director National Teams Raeto Raffainer zu Beginn der olympischen Spiele und gab damit bereits die Schweizer Wohlfühl-Strategie vor.

Fakt ist: Die Bilanz der Schweizer Hockey Nati seit Olympia 2014 liest sich katastrophal.

 

Turnier Aus Rang
Olympia 2014 Achtelfinal 9
WM 2014 Vorrunde 10
WM 2015 Viertelfinal 8
WM 2016 Vorrunde 11
WM 2017 Viertelfinal 6
Olympia 2018 Achtelfinal 10

In den letzten sechs Turnieren resultierte im Schnitt der 9. Rang. Soll keiner sagen, dass der Abstand zur Top-6 kleiner wurde. Die Bilanz seit 1996: 13 mal Vorrunden-Aus, 11 Erstrunden-Niederlagen. In 26 Turnieren hat es die Schweiz 24 Mal nicht weiter als die erste Runde geschafft. Das entspricht einer Gewinnchance von knapp 9%. Vernichtend. Das ist also die prozentuale Wahrscheinlichkeit, wirklich zur Big-6 zu gehören. Soll keiner sagen, dass wir näher an den Top-6-Nationen sind.

Und selbst wenn die Niederlage eingestanden wird, so folgen die Ausreden auf dem Fuss. Teilweise sind diese derart an den Haaren herbeigezogen, dass man nur noch den Kopf schütteln kann:

 

 

 

Die NHL ist die beste Liga der Welt, gespickt mit kanadischen Talenten. Die kanadische Auswahl in Pyeongchang ist in etwa die 18.-beste Auswahl, die die Ahornblätter aufbieten konnten. Wer das Gefühl hat, die Schweiz hätte besser abgeschnitten, wenn die NHLer dabei gewesen wären, hat keine Ahnung. Das Fernbleiben der NHL ist in etwa so, wie wenn die Schweizer Nati mit einem Team lauter 1. Liga-Spielern antreten müsste.

Die Realität ist: In den letzten Jahren gab es empfindliche Niederlagen gegen Deutschland, Lettland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Österreich, Kasachstan. Ja so ziemlich gegen jedes Team, das wir immer noch als vermeintlich schwächer einstufen. Diese Ignoranz lässt die Schweiz Mal um Mal stolpern. Nach der WM 2017 lautete der GRHeute-Kommentar:

 

Es ist verdammt gefährlich, wenn die Schweiz nun der Meinung ist, es fehle nur noch etwas Glück, und dann gibt es an Olympia 2018 eine Medaille. Die Schweiz hatte dieses Jahr viel Glück, und das Resultat blendet viele Fans von diesem Umstand. Die Schweiz tut gut daran, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und weiter an sich zu arbeiten. Sonst kommt an Olympia 2018 erneut das böse Erwachen und die hiesigen Medien müssen wieder (wie nach der WM 2014 und 2015) zu „Wie-konnte-das-passieren“-Headlines greifen.

 

Und jährlich grüsst das Murmeltier.

Fakt ist: Seit 1996 zeigt die „Erfolgskurve“ der Schweizer Nati alles andere als nach oben. Sie ist stagnant, irgendwo zwischen Rang 7 und Rang 9. Verbesserung und Fortschritt sehen anders aus.

(Rot = Vorrunden-Aus, Schwarz = Viertelfinal-Aus, Grün = Halbfinal-Aus)

 

2.     Die Fehleinschätzung der eigenen Liga/Coaches

 

Die Realität ist, dass ein Coach, der in 20 Ernstkämpfen 12 Niederlagen einfährt, keineswegs Kompetenz ausstrahlt. Was diese Kritik unterstreicht: Von den acht Siegen waren nur fünf ohne Overtime möglich, und diese kamen gegen Südkorea, Norwegen, Weissrussland, Lettland und in einem unbedeutenden Spiel gegen Tschechien zustande…

Fakt ist: Patrick Fischer ist den Beweis immer noch schuldig, ein qualifizierter Nati-Coach zu sein. Der Tenor der Medien und des Verbandes sind aber trotz Ausbleiben von Erfolgen gleich: Unsere Liga ist eine Super-Schule, Swissness geht vor, unsere Coaches sind die bestmögliche Wahl.

Was auch Fakt ist: Die National League wird in manchen Kreisen als eine der besten und schnellsten Ligen eingestuft. Das sollte mittlerweile jeder Hockey-Fan als blanker Blödsinn entlarvt haben. Die National League ist eine sehr gut bezahlte Liga mit wenig Strapazen für die Spieler. Mit kurzen Reisewegen, wenig Spielen und hohen Löhnen. Mehr nicht. Spielerisch liegt sie klar hinter der NHL (Nordamerika), der KHL (Russland), der SHL (Schweden), der Liiga (Finnland) und der AHL (USA). Die National League kann auf Augenhöhe mit der Extraliga (Tschechien) spielen, aber nur, weil in Tschechien nicht annähernd so viel Geld fliesst wie in der Schweiz. Hätten alle Teams in Europa die gleichen Mittel zur Verfügung, so wäre die National League zusammen mit der DEL und der nordamerikanischen College-Liga die in etwa achtbeste Liga der Welt. Das ist die Realität.

Die Realität ist auch: Die National League ist aus finanziellen Gründen für ausländische Spieler attraktiv. Das bringt gute Ausländer in die Schweiz. Das wiederum hebt das internationale Ansehen an. Das Niveau der Schweizer Spieler ist indes in den letzten Jahrzehnten nicht gestiegen. Im Gegenteil: Am Beispiel der Special Teams sieht man, dass die Schweizer Spieler schwächer geworden sind. Weil eben diese Ausländer mehrheitlich die Powerplay-Positionen in den National League Teams besetzen. Womit wir beim nächsten Punkt sind:

 

 

3.     Die schwachen Special Teams

Das Powerplay der Schweizer Hockey Nati ist seit Jahren desolat. Seit Sochi 2014 hat die Schweiz nur einmal zu den positiven Teams an einem Turnier gehört (siehe Grafik: 75% = im besten Viertel aller Teams).

Ansonsten ist die Powerplay-Schwäche eklatant. In den letzten 110 Überzahlsituationen erzielte die Schweiz klägliche 13 Tore. Der Trend (blaue Kurve) zeigt auf: Die Schweiz ist im Überzahlspiel im weltweiten Vergleich irgendwo zwischen Rang 10 und 12. Hinter Nationen wie Deutschland, Norwegen, Dänemark oder Lettland.

 (Die Y-Achse zeigt das Ranking aller Teams: 0% = schwächstes Team, 100% = bestes Team. Rote Punkte = Powerplay-Ausbeute tiefer als der Schnitt aller Teams, grüne Punkte = Powerplay-Ausbeute höher als der Schnitt aller Teams. Blaue Kurve = Trendlinie).

 

Und auch das Box-Play nimmt tieffliegende Formen an: Während man 2014 und 2015 noch zu den besseren Teams zählte, ist in den letzten drei Jahren der Absturz eingetreten. Das Penalty Killing der Schweizer Nati war in Pyeongchang eines der Schwächsten: Nur Südkorea und die Slowakei liessen noch mehr Treffer zu. An der WM 2016 war man gar das schwächste Team aller Teilnehmer (und frass zeitgleich am drittmeisten Strafen aller Teams. Ein Klasse-Rezept zum Scheitern).

Aber hey, es ist ja nicht so, wie wenn man sich der Problematik nicht bewusst wäre. Dass die Schweiz seit Jahren schwache Special Teams hat, die Spiele mitunter entscheiden.

(Die Y-Achse zeigt das Ranking aller Teams: 0% = schwächstes Team, 100% = bestes Team. Rote Punkte = Boyplay-Quote tiefer als der Schnitt aller Teams, grüne Punkte = Boxplay-Quote höher als der Schnitt aller Teams. Blaue Kurve = Trendlinie).

 

4.     Die Scoring Efficiency

 

Das war das Resumé nach der WM 2017:

 

Zählt man die Eigentore weg, wird’s erschreckend: Gerade mal 7 Tore in 4 Spielen gegen Kanada, Schweden, Tschechien und Finnland – das ist ganz einfach zu wenig, wenn die Eidgenossen den nächsten Schritt machen möchten.

 

Klammert man das Spiel gegen Südkorea aus (und das Spiel sollte man definitiv nicht zählen, wenn man nicht die Koreaner als Massstab nehmen will), so hat die Schweizer Hockey Nati in den letzten acht Ernstkämpfen gegen respektable Teams 15 Tore erzielt. Das sind weniger als 2 pro Spiel. Eine absolut katastrophale Ausbeute und ein Rezept für Niederlagen. Und das ist keineswegs Pech im Abschluss. Die Schweiz hat keine schlechte Trefferquote: An den letzten sechs Turnieren traf die Schweiz mit 7.5% aller Schüsse. Das ist zwar unterdurchschnittlich, aber nicht alarmierend. Nein, es sind die fehlenden High-Danger-Shots. Die 100%-igen Chancen. Die, bei denen ein Stürmer mit hoher Wahrscheinlichkeit trifft. Die Abstauber, die in den meisten Fällen im Tor landen. Diese hochkarätigen Chancen fehlen der Schweiz.

In den letzten sechs Turnieren hat die Schweiz nur ein einziges Mal überdurchschnittlich getroffen. 2017 hatte die Schweizer Hockey Nati eine Trefferquote von 10.4%. In den anderen fünf Turnieren offenbarte sich die Abschlussschwäche der Schweiz brutal: 2.4%, 9.2%, 6.4%, 8.0%, 3.8% waren die Trefferquoten. Unterirdisch.

Aber hey, es ist ja nicht so, wie wenn die Zahlen neu wären. Dass die Abschlussschwäche der Schweiz ein langjähriges Problem ist, dem man sich nicht bewusst ist. Nothing new, move along.

(Die Y-Achse zeigt das Ranking aller Teams: 0% = schwächstes Team, 100% = bestes Team. Rote Punkte = Scoring Efficieny tiefer als der Schnitt aller Teams, grüne Punkte = Scoring Efficieny höher als der Schnitt aller Teams. Blaue Kurve = Trendlinie).

 

5.     Die Strafen/die falsche Härte

 

Die Philadelphia Flyers haben in den letzten 215 Minuten (rund 4 Spiele) kein einziges Mal in Unterzahl spielen müssen – das ist ein NHL-Rekord und ein Super-Rezept, wenn man das drittschlechteste Boxplay der Liga hat. Schwaches Boxplay? Einfach keine Strafen nehmen! Clever. Nicht so die Schweiz.

Das Schweizer Eishockey ist nicht bekannt für Härte oder Toughness. Immer wieder liest man, dass die National League die schnellste europäische Liga ist, immer wieder wird auf die eigene Schulter geklopft, wie schön das Schweizer Spiel ist. Aber dass die Liga verweichlicht ist, dass die Schweizer Spieler keine Net-Front-Presence aufbauen können, dass in der National League Schwalben und Embellishment zum Alltag gehören, davon will man nicht sprechen. Ein schillerndes Beispiel:

 

 

 

 

Nein, in der National League gibt es den Zug zum Tor nicht. Den Zweikampf vor dem Gehäuse. Das Fighten um jeden Zentimeter. Die Schweiz fällt einmal mehr mit falscher Härte auf. Pseudo-Toughness. Wie das Foul von Cody Almond:

 

 

 

Aber hey, es ist ja nicht so, dass dies eine neue Erkenntnis wäre. Die Schwächen des Schweizer Eishockeys wurden bereits 2010 von Deutschland schonungslos aufgedeckt. Und 2014 von Lettland. Und 2015 von Österreich. Und 2016 von Kasachstan. Und 2017 von Frankreich.

 

Das Murmeltier grüsst. Wie weiter?

Die Leier wiederholt sich.

Schon wieder.

Jetzt braucht es Druck. Wohlfühl-Phrasen müssen endlich verschwinden. Fakt ist: Nach solch schwachen Auftritten rollen normalerweise Köpfe. Aber die Schweizer Nati wird vor solchen Reaktionen bewahrt. Patrick Fischer wird von allen Seiten geschützt. Es ist einmal mehr wichtiger, dass die Schweiz in der Nationalmannschaft Swissness statt Erfolg hat. Dass es bessere, qualifiziertere Coaches geben würde, spielt dabei keine Rolle. Phrasen wie „unsere Hockey-Kultur stärken“ werden ins Feld geführt.

Nun, Fakt ist: Unsere Hockey-Kultur ist in etwa die Nummer 9 der Welt. Wenn diese Rangierung das Ziel des SIHF ist, dann ok: Swissness in den Vordergrund stellen. Dann kann der Status Quo vom Viertelfinale bewahrt werden und alle dürfen sich auf die Schulter klopfen. Wenn das Ziel aber nicht Swissness, sondern Progress ist, dann sollte der Bürgerort der Staff keine Rolle spielen. Dann braucht es einzig und allein Kompetenz und Resultate.

Nach der WM 2016 musste man mit Fischer Geduld haben. Das war richtig. Nach der WM 2017 musste man als Fan Verständnis zeigen. Das war auch noch ok. Aber Olympia 2018 war nun Strike Three. Wenn an der kommenden WM keine Resultate folgen, muss der Verband reagieren und Fischer auf die Strasse setzen.

Und mit Resultaten ist nicht der Status Quo gemeint: Ein Fortschritt muss erwartet werden. Es muss nun Druck aufgesetzt werden. Die Gemütlichkeit muss endlich abgeschafft werden. Alles andere als die Halbfinal-Qualifikation sollte nicht mehr akzeptiert werden.

Es braucht nun endlich ein Leistungszeugnis der Schweizer Nati. Sonst wiederholt sich die Leier erneut.

Was meinst du? Soll Fischer bleiben oder braucht es einen neuen Coach?

 

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(Bild: giphy, Stats: IIHF)