Kürzlich durchforstete ich mein Archiv und fand darin unverwendete Perlen. Nun werde ich in unregelmässigen Abständen hier auf GR Heute, Geschichten, Gedichte und anderes Chrüsimüsi publizieren. Mit 18 schrieb ich ein Buch, druckte es als ich 20 wurde 50 Mal und wenig später verschwand es dann wieder von der Bildfläche. Nun möchte ich es euch hier nicht vorenthalten. Diese Perle hier stammt aus dem Jahre 2006. Viel Spass damit!

 

Naeco war kreativ, schrieb sich die Finger wund und arbeitete halbtags im Café, das Tamas Vater gehörte. Eigentlich war ja sein Wissensniveau höher als dieser Job, doch das störte ihn nicht.
Auch während der Arbeit hatte er wieder vor Genialität strotzende Ideen für verschiedenste Projekte. Ihm alleine war es zum Beispiel zu verdanken, dass es in diesem Café jeden Freitag kleine Konzerte zu bestaunen gab, wo er manchmal sogar mit seiner Gitarre mitjamte.
Dies wurde zu einem riesen Erfolg und Naeco bekam gleich auch ein wenig mehr Lohn.
Amerika war wirklich herrlich. Naeco hatte keine Mühe mit diesem Land, wie ein Grossteil der restlichen Menschheit es hatte. Nein, die Freiheit und die Muse floss frisch und schnell wie neues Leben durch seine Venen.
Er war nun dort wo er sein wollte. Doch des öfteren hatte er wieder die grandiosen 15 Minuten am Morgen, worin er immer halb in Trance seine alte „leibliche“ Heimat sah. Er wusste noch nicht so recht, was er davon halten sollte, doch vorläufig war es ihm egal.
Tama hatte sich einen Zeitplan gefertigt, der den restlichen Weg seines Buches aufzeigen sollte. Naeco, der sich wieder voll an die Minuten und Sekunden gewöhnt hatte, tat es ihm gleich.
Lediglich noch sechs Kapitel und ein Abspann waren übrig. Klar hatte er sich das Ganze ein wenig zu gemütlich auferlegt.
Naeco war nun gut vier Monate in Amerika, hatte ein schönes bürgerliches Leben sich aufgebaut.
Das Einzige, was ihn noch aufregte war, dass sein Buch noch nicht fertig war. Sein Plan sah sehr gut aus. Wenn es keine Verzögerungen geben werde, hätte er das Buch in zwei Wochen ausgeschrieben und alle Ideen darin verpackt, die er sich wünschte in seinem Romandebüt zu haben.
Grosses Glück hatte er und Tama auch als sie sich einmal im Café über Bücher unterhielten. Zufällig hörte ihnen ein Mann zu, der sich zu ihnen setzte und sehr interessiert mitdiskutierte.
Was beide nicht wussten, war dass dieser Mann James Zanetti hiess und ein sehr einflussreicher und erfolgreicher Verleger war, der stets auf der Suche nach neuen Talenten war.
James selbst gab sich aber nur als interessierter Berufskollege aus. Er fürchtete, dass sie ihm dann nicht mehr Einblick in ihre Arbeit gewährte, den er sich doch sehr erwünschte. So blieb vorläufig alles beim Alten.
Zwei Wochen später war Naeco mit seinem Roman tatsächlich fertig. 40 Tage mit viel Schweiss, Fleiss und schlaflosen Nächten hatte er das Ganze dann auch vom Papier auf Tamas Laptop gebracht. Sein Herz fiel fast in die Hose, als er die letzten Zeilen abtippte.
„Gratuliere!“, sagte Tama, als Naeco dann alles im Kasten hatte. Er selbst hatte sein Buch nun doch noch ein wenig länger konzipiert und war deshalb immer noch nicht fertig damit. Trotzdem gönnte er es Naeco von ganzem Herzen.
„Danke.“
„Ich habe einfach gemerkt, dass meine Geschichten eher auf drei- bis vierhundert Seiten und nicht bloss in Durchschnittsromanlänge funktionieren. Doch ich freue mich sehr für dich. Ist ‘ne Hammersache!“
Das war jetzt also richtige Freundschaft: Sich gegenseitig helfen, unterstützen, ein Bruder sein ohne vom Anderen zu viel zu verlangen. Naeco war mehr als glücklich. Er war der Bruder, den er sich immer erwünscht hatte. Es war eine Seelenverwandtschaft.
Naeco half Tama nun sein Buch weiter zu schreiben und erarbeitete sich nun bereits ein Konzept für sein zweites Buch. Es sollte ein Krimi werden, der eine Geschichte seiner Kindheit aufgriff; sie dann jedoch anders weiterverarbeitete. Die ursprüngliche Geschichte nahm leider Abbruch nach kurzer Zeit, doch Naeco träumte sie eines Nachts weiter und konnte nun seinen Traum auf Papier bannen. Das war ganz easy. „Seinen Nachfolger ausschreiben“ nannte er es.
An seinem freien Tag schlenderte er durch die verlassen Gassen der Altstadt. Ein Termin mit James war angesagt. In einem kleinen, aber feinen Café sassen die Beiden beim Café und diskutierten über das Debüt. James fasste sich ein Herz und erklärte ihm wer er wirklich war.
Obwohl Naeco Lügen von Grund auf verachtete, kündigte er ihm nicht die Freundschaft, denn er war ein interessanter Gesprächspartner und natürlich auch eine riesige Chance.
Ausserdem fand er die Tatsache, dass nicht nur Schriftsteller vor den Verlegern Angst hatten, sondern auch die Verleger vor den Schriftstellern, irgendwie amüsant.
Klar wollte er einen Deal, doch wäre dies ein hundsgemeines Hintergehen seines Freundes Tama.
Er wollte einen Doppelvertrag für ihn und Tama, sonst hätte er nie seine vier Zeichen ihm aufs Papier gekritzelt. Doch war das nicht ein sehr heisses Eisen beim Erstbesten zu unterschreiben?
„Ich lasse mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen.“, entgegnete er James, der natürlich schon alle möglichen Exemplare von Verträgen zur Hand hatte.
„Ok…“, antworte dieser.
Tama meinte dazu, es sei doch eine riesen Chance, die es zu ergreifen absolute Pflicht sei.
„Aber ist dies nicht unfair dir gegenüber?“
„Sicherlich nicht. Wir müssen nicht die gleichen Wege einschlagen… Ich finde es sehr positiv, da ich von dir nur lernen kann, wenn du der Erste mit Verleger bist. Da musst du nicht verlegen werden.“, sprach Tama mit einem Schmunzeln und Segen auf den Lippen.
Also konnte es ja losgehen. Gute fünf Wochen dauerten die Verhandlungen mit James und weitere Abhandlungen, wie zum Beispiel das Buch zu übersetzten.
James war ein sehr grosser Fan des Buches und setzte voll und ganz auf sein Steckenpferd, denn noch nie hatte er ein so ehrliches Buch gelesen. In rund fünfzehn Ländern soll es vertrieben und beworben werden. Er rechnete damit, dass in rund ein bis zwei Monaten die ersten Veröffentlichungen beginnen würden.
James, der geniale Geschäftsmann, enthielt dies jedoch alles Naeco, da er ihm, als Freundschaftdienst, damit überraschen wollte am Veröffentlichungstag. Lediglich eine kleinere Veröffentlichung in Amerika und der Schweiz verriet er ihm. Doch Naeco war selbst mit diesem Abkommen mehr als zufrieden. Ihm war vor allem wichtig, dass seine Texte genossen wurden von den Menschen. Es war ihm nicht wichtig viel Geld zu verdienen oder sonstiges. Nein, wichtig war mit Texten Menschen zu helfen, ihnen ein verlorenes Stück Leben zurück zu geben, ihnen etwas schenken, das man nur durch Texte anderen zu schenken mächtig ist. Schreiben war sein Leben.
Er liebte es seine Leidenschaft mit anderen zu teilen. Naeco erinnerte sich an seine Zeit als Teenager, als er oft seinen Herzensdamen Gedichte oder Songtexte schrieb, um ihnen seine Liebe zu bekunden. Manchmal ging dies gut, andere Male war seine Leidenschaft in deren Augen zu tragisch und zu überschwellig. Doch dies war für ihn nicht mit Frustration belastet, denn er war nun mal ein hoffnungsloser Romantiker und auch schon immer gewesen.
Am schönsten fand er es , als er knapp 19 Jahre alt, ein Lied über eine seiner Kolleginnen schrieb und sie damit zu Tränen rührte. Das zeigte ihm echt, wie viel man im Leben zu erreichen vermochte und was seine Berufung war, nämlich verlorenen Seelen zu helfen durch seine Arbeiten.

Doch jetzt im Moment hatte er andere Sorgen und musste vor allem sich selbst helfen, denn sein Herz brannte und loderte vor lauter Heimweh. Selbst sein Bruder Tama merkte, dass in Naeco irgendetwas neu entflammt war, dass ihm nicht gut tat, gegen das es jedoch nur eine vernünftige Lösung gab. Zwei, drei Wochen wich Naeco ihm aus, als Tama das Thema ansprach, da er glaubte, das Problem schon selber in den Griff zu bekommen. Doch es ging nicht lange, bis er dann merkte, dass er sich nur noch im Leerlauf bewegte und dass das ewige Rausschieben ihm rein gar nichts nützte. Somit sprengte er seinen Sicherheitsabstand und versuchte die Ruinen in sich neu aufzubauen.
Tama hatte volles Verständnis für Naecos Heimweh, obwohl er selbst ja niemals vom Heimweh in Besitz genommen worden war. Er glaubte ihm, dass es verdammt hart war so fern ab zu sein von der Heimat und seinen Wurzeln.
Ein Mensch ist immer dort zu Hause wo er aufgewachsen ist, da nützt weder Flucht noch überspielen: Der Rest der Welt ist für immer fremd. Im tiefsten Herzen schreit immer eine Stimme nach diesem Ort. Wie lange man dies ertragen kann, ist jedem selbst überlassen.
Naeco konnte es nicht mehr. Tama hatte das Glück wirklich am Ort seiner Kindheit zu leben und somit zu Hause zu sein.

Nun hatte Naeco genug Geld seine Rückreise zu finanzieren. 96 Umdrehungen des grossen Zeigers später wartete er dann wieder am Hafen vor dem still ruhenden Wasser mit seinem Bruder Tama.