Erste Anzeichen sind bereits sichtbar: Die Kirche ist schräg, zahlreiche Häuser haben Risse. In Brienz schiebt ein gewaltiger Erdrutsch das Bergdorf allmählich talwärts. Wie der «Blick» meldet haben die Behörden nun Alarmstufe Rot ausgerufen – mit unangenehmen Folgen für die Hausbesitzer.

Ein steiler, brüchiger Felsen bereitet ganz Brienz Kopfzerbrechen. Immer wieder donnern tonnenschwere Felsbrocken wenige Meter neben dem 100-Seelen-Dorf herunter. Doch damit nicht genug, bewegt sich der ganze Hang rund um das herzige Bergdorf auch noch 35 bis 55 Zentimeter jedes Jahr.

«Manchmal ist es ziemlich unheimlich hier», gesteht Annette Bonifazi. Die Bäuerin ist mit ihrem Mann täglich auf den Wiesen im Ort unterwegs – und macht dabei erstaunliche Entdeckungen: «Die Wiesen verändern sich laufend. Plötzlich türmen sich im Boden Wellen auf, wo es vorher noch völlig flach war!»

In der roten Gefahrenzone
Wegen der rasanten Bewegung im Erdreich hat es an fast allen Häusern und Strassen in Brienz tiefe Risse. Auch an der Fassade am Ferienhaus von Helene Meier  macht sich der Rutsch bemerkbar. Immer wieder entdeckt die Pädagogin aus dem Kanton Zürich neue Schäden an ihrem Feriendomizil.

In den letzten Jahren habe sich die Bewegung massiv beschleunigt. «Im schlimmsten Fall muss vielleicht das ganze Dorf evakuiert und aufgegeben werden», wie Meier dem «Blick» sagte.

Diese Angst ist durchaus begründet. Per Ende Mai wurde Brienz dem roten Gefahrenbereich zugeordnet. Dies bedeutet einen Baustopp bei Neubauten für mindestens zwei Jahre. Auch wertsteigernde Renovationen bei bestehenden Häusern werden in dieser Zeit nicht mehr genehmigt.

Ursachen sind unklar
«Es ist der erste Fall, den wir im Kanton Graubünden in dieser Grössenordnung haben – ein seltenes Ereignis», sagt Andri Largiadèr vom Bündner Amt für Wald und Naturgefahren. Das ganze Gebiet steht schon seit 2008 unter erhöhter Beobachtung. Davon zeugen diverse Messstationen im und um das Bergdorf.

Zurzeit gehen die Experten davon aus, dass das Erdreich in einer Tiefe von bis zu 150 Metern rutscht und das Dorf auf verschiedenen Schollen mit sich zieht. «Wasser im Untergrund wirkt wie Schmiermittel und beschleunigt diese Bewegung», vermutet Largiadèr.

Zusätzliche Untersuchungen mittels Bohrungen sollen demnächst Klarheit schaffen, ob sich der Hang stoppen oder zumindest bremsen lässt. Die Gemeinde Albula, zu der auch das kleine Brienz gehört, will im Juli die dafür notwendigen Mittel von knapp drei Millionen Franken zur Verfügung stellen.

Bloss keine Panik
«Wir wollen vor allem wissen, was sich mit baulichen Massnahmen machen lässt», sagt Gemeindepräsident Daniel Albertin. Eine Garantie, dass sich Brienz retten lässt, gibt es nicht. Daraus ergibt sich ein weiteres gravierendes Problem. «Es hat in nächster Zeit wohl niemand Interesse, im Dorf zu investieren», befürchtet Albertin. Trotzdem bleibt er zuversichtlich – wie die meisten Einheimischen. Denn der Hang bewegte sich schon seit geraumer Zeit, wenn auch nicht so schnell.

Kirchenpräsident Hermann Bossi wacht über den schiefen Kirchturm: «Es kommt so, wie es halt kommen muss. Ich mache mir da nicht allzu viele Sorgen und hoffe, dass der Herrgott ein Auge auf Brienz hat.» Ähnlich sieht es Hilde Bonifazi: «Der Rutsch ist mir egal, aber die Steinschläge machen mir Angst. Ich bete dafür, dass es keine Menschen trifft.»

 

(Bild: Wikipedia)