In der Rubrik «Musik jenseits der Berge» besprechen wir in unregelmässigen Abständen Bands, die keinen oder nur einen minimalen Bezug zu Graubünden haben. In der fünften Ausgabe haben wir uns mit dem neuen Werk «Macondo» der Raplegende Dezmond Dez auseinander gesetzt.

Als Kind war Bern für mich die grosse Welt. Elvisfans hatten Memphis, Jazzfans New Orleans und ich als Mundartfan eben Bern. Meine Lieblingsacts von Polo Hofer, über Züri West und Stephan Eicher bis Patent Ochsner kamen allesamt aus dem Kanton mit dem gemächlichen Dialekt. Ich träumte immer davon, wenn ich einmal erwachsen werden würde nach Bern eine Pilgerreise anzutreten, wie sie Polo in den frühen 90ern nach Memphis gemacht hatte. Als ich dann einmal mit der Fachmittelschule nach Bern fuhr, wollte es der Zufall so, dass ich tatsächlich Polo Hofer in einer Bar antraf und ihm zu einem Foto mit mir überreden konnte. Ein eindrücklicher und unvergesslicher Moment.

Je älter ich wurde, umso wichtiger wurde Mundartmusik für mich. In Graubünden kann man heute noch die wichtigen Mundartacts an einer Hand abzählen, in Bern hat Mundartmusik einen höheren Stellenwert, gehört zur Alltagskultur und ist wegweisend für die Schweizer Musikszene. Als ich den Rap entdeckte, eröffnete mir Bern mit Chlyklass, Tommy Vercetti und Dezmond Dez weitere exzellente Künstler. Was mir damals schon auf gefallen ist, das in Bern wesentlich weniger Futterneid und mehr gegenseitige Unterstützung in der Musikszene vorhanden ist, als bei uns. So ist der Berner Produzent SAD für mich heute ein grosses Vorbild, da er immer wieder grosse Künstler der Schweizer Rapszene vereint, ohne Kantönligeist, sondern einfach aus Liebe zum Spiel. Wenn ich mir etwas wünsche für’s 2017 ist es, dass die Bündner Musikszene sich zusammen rauft und endlich damit beginnt, sich gegenseitig zu pushen und aufhört jedem seinen Erfolg zu missgönnen. Wie viel man gemeinsam erreichen kann, sieht man heute ja beispielsweise an den Musikszenen Bern oder auch Luzern.

Doch zurück zum Berner Dezmond Dez, der eigentlich Cyril Bucher heisst. Über den Track «Good Day» vom Bündner Rapper LIV lernte ich Tommy Vercetti kennen, dessen Aufnahmen in enger Zusammenarbeit mit Dez entstanden sind. Ich weiss nicht mehr, welcher Song von ihm der erste war, den ich hörte. Aber bald stiess ich auf Eldorado FM und ihre Gratismixtapes. Ihre Diskografie und auch das Album «Verlornigs Paradies» von Dez habe fast zu Tode gehört. Ein grosser Moment brach an, als Tommy und Dez Ende 2013 endlich neben den Cheftapes nun mit «Glanton Gang» einen ersten Longplayer vorstellten, der nun schon drei Jahre in meiner Handyplaylist rauf und runter gespielt wird. In diesem Jahr waren die zwei dann als Headliner am Open Air Malans zu Gast und ich fühlte mich wie Wayne Campell aus Wayne’s World 2 beim Aufeinandertreffen mit Aerosmith. Sie hatten den etwas blöden Slot nach The Real McKenzies und zogen doch ihre Show gekonnt und grossartig durch. Es war den Festivalgängern glaube ich nicht wirklich bewusst, welche Legenden da vorne auf der Bühne standen… Doch nun hat Dezmond Dez ein neues Mixtape am Start, das ich exklusiv vorhören darf, was mir eine grosse Ehre ist.

Das Mixtape startet gleich mit der Videoauskoppelung «Metropolis», welche innerhalb von kürzester Zeit beinahe 10’000 Views auf Youtube aufweisen kann. Der Song ist eine metaphernreiche Sozialkritik, die durch die einprägsame Orgel im Hintergrund mächtig hängen bleibt und kräftig kopfnicken lässt.

Auf «Tristan da Cunha» begibt sich Dez auf die Suche nach seiner Heimat und findet sie in der Suche und der grenzenlose Liebe. Zeilen, die zum Träumen einladen und locker flockig Robinsonbilder in die Luft malen.

«Vodoo Interlude» ist frisch, kurz und doch facettenreich. Er schafft es bei dem Beat mit coolem Schlagzeug, dezenten Bläsern und ein wenig Barorgel recht schnell auf den Punkt. Allgemein merkt man bei dem Rapper schnell, dass er wahnsinnig belesen ist. Er jongliert mit seinem Wortschatz als wäre es Malen nach Zahlen.

«Bärn Zoo» ist dann ein wenig Battlerap auf intelektueller Ebene. Er rappt natürlich auch bei Doubletimeraps sehr sauber. Mich persönlich stört das N-Wort wahnsinnig, aber er darf das ja, weil er selber farbig ist. Der Part von Nativ (SOS) gefällt mir auch nicht so, weil ein wenig gegen die Möchtis geschossen wird. Aber eben ein klein wenig Reibung muss schon sein im Schweizer Rapzoo.

«Sie Pt.1» fängt soulig an und verwandelt sich rasch zu einer modernen Ballade. Wertschätzung der Muse ist eben immer noch märchenhaft schön. Er hat über seine Liebste so viel zu erzählen, dass es sogar noch einen zweiten Teil gibt.

«Sie Pt.2» feat. Willy Angelo ist dann grooviger und tröpfelt langsam und behutsam durch meine Kopfhörer. «Hätti di nid gfunda, hätti di erfunda» ist nur eine verspielte Line, die seine Wirkung bei der Herzensdame nicht verfehlt. Gelungen!

Der Mörderepos «Shaka Zulu» bringt eine angenehme Abwechslung zu den verträumten zwei Vorgängern. Ein hart krachender Beat zeigt Dezmond in Höchstform. Funny und doch ziemlich on point.

«Lift» wendet sich vorwurfsvoll an den Kapitalismus und all seine Utopien. Eine Workingclasshymne, die einem vor allem jetzt im Winter durch die schlimmen Arbeitstage. Sein EFM-Amigo Manillio zeigt wieder einmal, warum er den Status eines Nr.1-Rappers verdient hat. Der bleibt sicher noch ein, zwei Jahre auf meinem Iphone in der Playlist.

«Glück, Rückwärts» ist eine interessante Angehensweise an Melancholie ohne jammerig zu wirken. Endlich ist auch Tommy da und es harmoniert wieder perfekt. Ein entspannender Track, perfekt als Soundtrack für die kalte Zeit.

Das Outro «Meh Blau aues Grüen» ist zurück gelehnt gerappt und doch voller Aussage. Er kann sogar ein wenig verletzlich singen, was dem Track weitere Emotionalität verleiht.

Schlussfazit:
Dezmond Dez hat mit «Macondo» ein verträumtes, facetten- und metaphernreiches, jedoch etwas kurzes Werk abgeliefert. Oftmals verleiten seine Texte zum mehrmaligen Hören, weil sie einem in Sachen Sprachgewandtheit ein massives Stück nach vorne bringen. Er zaubert Vergleiche in zwei Zeilen, die anderen auf einem ganzen Album nicht gelingen. Mal sozialkritisch, mal bissig, mal melancholisch und verträumt. Das Werk ist sicherlich nicht als Après-Ski-Platte gedacht, doch versprüht es einen Charme, der bei mir sonst nur ein richtig gutes Buch auslöst. Ideal für die kalten Wintertage, jedoch spannender und souliger als so manches Werk auf dem aktuellen Markt. Das hört man sich gerne an.

Das Werk «Macondo» kann ab dem 4. Dezember 2016 auf eldoradokiosk.ch gratis herunter geladen werden. Mehr Infos zu Dezmond Dez unter seiner Facebook-Page.