Es passiert alle Jahre wieder: Beim ersten Schnee der Saison fällt in Bergün der Strom aus, von einem Moment auf den anderen geht nichts mehr. Obwohl wir es in Bergün eigentlich gewöhnt sind, ist es doch jedes Mal wieder sehr speziell. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist Sonntagabend der 6. November. Seit den frühen Morgenstunden schneit es in Bergün immer heftiger, inzwischen liegen sicher schon 15cm Neuschnee. Der erste richtige Schneefall des Winters, und dann gleich so viel! Hoffentlich gibt es nicht wieder wie jedes Jahr Stromausfall, wo ich mich doch schon so auf einen gemütlichen Tatort-Abend freue…

Zu spät. Kurz vor 19 Uhr ist auf einen Schlag alles dunkel.

Es flackert noch zweimal kurz – juhu, denke ich, wenn es innerhalb der ersten 2 Minuten nach dem Stromunterbruch flackert, dann heisst das, dass umgeschaltet wird und der Strom statt von Filisur nun von Preda kommt! Fernsehabend gerettet! Leider bleibt es aber dann aber bei dem kurzen Flackern, und was das heisst, weiss ich auch nur zu gut. Wenn der Strom nicht innerhalb der ersten paar Minuten wiederkommt, dann war es das erste Mal, dann können wir uns im Dorf auf einen längeren Unterbruch einstellen. Vorsichtshalber schaue ich aus dem Fenster, ob es nicht vielleicht an der Sicherung in meiner Wohnung liegt, aber nein, der Verdacht bestätigt sich: Das ganze Dorf ist stockdunkel, es ist weit und breit kein einziges Licht zu sehen. In Bergün ist man schon seit Längerem bestrebt, alle Stromleitungen unter die Erde zu verlegen, damit der schwere nasse Schnee die Oberleitungen nicht beschädigen kann, aber das Projekt ist noch nicht ganz fertig, und solange müssen wir immer mal wieder mit Stromausfällen rechnen.

Für mich heisst das an diesem Abend nun ganz konkret: Kerzen suchen statt Tatort schauen. Zum Glück habe ich genügend auf Vorrat, es ist ja nicht mein erster Stromausfall. Wenigstens im Wohnzimmer sehe ich nun schon mal was, am besten suche ich mir auch grad ein paar warme Kleider zusammen, ohne Strom funktioniert nämlich auch die Heizung nicht, und bei den Aussentemperaturen wird es ganz schnell kalt in der Wohnung. Ich habe Lust auf einen Tee… Aber nein, es hat ja keinen Strom.
Den Tatort habe ich bereits abgeschrieben, aber ich habe noch ein paar DVDs, die ich schon längst mal schauen wollte, das wär doch was! Leider ist der Akku des Laptops leer, und ohne Strom… Hm, dann nutze ich halt die Zeit und räume ein bisschen auf, Staubsaugen wäre auch dringend mal wieder nötig… Aber nein, es hat ja keinen Strom. Ich gehe ins Bad und betätige aus lauter Gewohnheit den Lichtschalter, natürlich tut sich nix, ich muss nochmal umkehren und eine Kerze mitnehmen. Immerhin funktioniert das Telefonnetz noch, und mein Handyakku ist ausnahmsweise mal aufgeladen, ich kann also noch whatsappen und bei Facebook posten, dass ich im Dunkeln sitze!

Aber auch das Vergnügen währt nur von kurzer Dauer, kurz nach 20 Uhr macht auch das Handynetz schlapp. Na gut, dann lese ich eben ein bisschen. Ganz schön schummrig, so Kerzenlicht, mir tun schon nach kurzer Zeit die Augen weh, wie haben die Leute das früher eigentlich gemacht? Lesen fällt also auch aus, kochen sowieso, also dann vielleicht ein heisses Bad? Aber nein, es wird ja kein warmes Wasser mehr produziert, mit dem vorhandenen Warmwasser muss sparsam umgegangen werden, wer weiss, wie lange es noch dauert, bis der Strom wieder kommt. Ausserdem könnte ich mir ja danach auch nicht die Haare föhnen – keine gute Idee in der immer kälter werdenden Wohnung. Braucht es denn wirklich für alles Strom, kann man nicht auch was ohne Strom machen? Sind wir wirklich so abhängig, dass wir bei Stromausfall plötzlich nicht mehr wissen, was wir tun sollen, uns nicht mehr zu beschäftigen wissen?

Ich muss an Nigeria denken, während meiner Kindheit in den 80er Jahren habe ich mit meiner Familie zwei Jahre dort verbracht. In Lagos war Stromausfall nicht der Rede wert, im Gegenteil, man wunderte sich eher, wenn es mal Strom gab! Als reiche Weisse hatten wir natürlich einen Generator, der lief quasi nonstop, wir bemerkten es also kaum, wenn es mal wieder kein «NEPA» gab, wir mussten unser Leben nicht darauf ausrichten ob Strom geliefert wurde oder nicht. Der armen Bevölkerung ging es da sicher anders, in Nigeria muss zwar keiner frieren, aber was ist mit den Kühlschränken, der Klimaanlage, und was ist, wenn in Spitälern der Strom ausfällt?

Nach weiteren Minuten des untätig Herumsitzens beschliesse ich, einen Spaziergang zu machen. In unserem Treppenhaus hat jemand ein paar Windlichter aufgestellt, wie schön! Draussen schneit es immer noch, die Flocken glitzern im Licht meiner Stirnlampe. Ich stapfe etwas ausserhalb des Dorfes durch den Tiefschnee ein Stück den Hügel hoch und blicke zurück auf das Dorf. Es wirkt fast ein bisschen unheimlich, so völlig im Dunkeln. Keine Strassenlaterne brennt, in den Häusern ist alles dunkel, weit und breit ist niemand zu sehen, es ist ganz still. Obwohl weder Sterne noch der Mond zu sehen sind, habe ich die Stirnlampe inzwischen ausgeschaltet, meine Augen haben sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt. Fast könnten man meinen, ich sei das einzige Lebewesen weit und breit, es ist fast ein bisschen gruselig, aber auf eine besondere Art schön, ich geniesse die spezielle Stimmung.

Plötzlich sehe ich, wie es hinter dem Hügel heller zu werden scheint. Hat vielleicht das Unterdorf wieder Strom? Ich gehe darauf zu, will schauen woher das Licht kommt – in dem Moment kommt der Zug hinter dem Hügel hervor. Staunend blicke ich dem Zug nach, der sich wie ein leuchtender Wurm durch das dunkle Tal windet, es sieht aus wie aus einer anderen Welt. Ob die Fahrgäste wahrnehmen, dass draussen alles dunkel ist? Einen Moment bleibe ich stehen und beobachte das ungewöhnliche Schauspiel, lasse mich von den fahrenden Lichtern verzaubern. Als der Zug im Tunnel verschwindet ist es wieder stockdunkel und kein Laut ist zu hören. Diese Stille, sie ist ganz anders als sonst bei Schnee, viel intensiver, als ob die völlige Abwesenheit jeglichen Lichts ein Vakuum erzeugt hat.

Ich lenke meine Schritte wieder Richtung Dorf, gehe an dunklen Häusern vorbei, in deren Fenstern hier und da eine Kerze flackert. Beim Spaziergang zur Adventszeit blickt man von aussen in die hell erleuchtenden Wohnzimmer, jetzt dagegen ist es drinnen so dunkel wie draussen. In einem Haus sehe ich den Strahl einer Taschenlampe von einem Raum zum nächsten irren – heute Abend ist es wohl kein Einbrecher. Ein vereinzelt vorbeifahrendes Auto erhellt für einen kurzen Moment die Strasse, die Lichter wirken wie ein Suchscheinwerfer, ziellos werfen sie Schatten auf die Häuserwände – dann ist es wieder dunkel, und im Dunkeln suche ich mir meinen Weg durch den Schnee nach Hause.

Ich merke, wie mein Kopf herrlich durchgelüftet und frei von wiederkehrenden Gedanken ist, die kalte Luft hat mir gut getan, und die Stille hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Daheim gehe ich direkt ins Bett und schlafe sofort ein – um 21 Uhr.
Ausgeruht und erholt wache ich am nächsten Morgen schon vor dem Wecker auf und denke noch einmal an die spezielle Stimmung vom Vorabend zurück. Und dann? Geht mein Blick sofort zum Radiowecker: Ist der Strom wieder da? Ja, ist er, also Kaffeemaschine anwerfen und Computer einschalten, die Spülmaschine starten und grad noch eine Maschine Wäsche waschen – und schon ist wieder Alltag. Alltag mit Strom.

Und obwohl ich wirklich nicht auf Strom verzichten möchte, mich die Unterbrüche immer wieder nerven, so kann ich doch nicht leugnen, dass es mir ab und zu gut tut, wenn mir auch mal der Stecker gezogen wird und ich durch die äusseren Umstände zum Innehalten gezwungen werde. Gezwungen, mich wirklich und ausschliesslich mit mir selbst zu beschäftigen. Gezwungen zu erkennen, wie abhängig wir sind – und das Selbstverständliche auch mal wieder zu schätzen.

 

(Bild: RhB-Lichter in der totalen Finsternis/GRHeute)

Open Popup