Anmerkung: Der folgende Blog erschien am 24. Mai zum 75. Geburtstag von Bob Dylan. Ausgegraben, nachdem der grosse Songwriter gestern den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat. Der Text wurde leicht überarbeitet.

 

Ich musste 23 Jahre alt werden, bis ich Bob Dylan entdeckte. Ausgerechnet «Blowing in the wind» – immerhin in einer Live-Version von Neil Young, die ich danach nie wieder gehört habe – sprang mich damals im Auto eines Kollegen in den 90er Jahren an und krallte sich fest. Bis dahin war Bob Dylan für mich jemand wie Cliff Richards oder Neil Diamond gewesen, irgendwie hatte man schon mal was von ihm gehört, aber das waren Relikte aus einem anderen Raum und aus anderer Zeit. Zuerst wusste ich nicht mal, dass er noch lebt. Ich glaubte noch einige Zeit, Dylan sei à la Jim Morisson und Janis Joplin in den späten Sechzigern umgekommen.

Bei meinen Eltern bemerkte ich ein paar Tage später die erste Best-of-Sammlung von Dylan, tauchte umgehend und wochenlang ein und entdeckte beim sechsten, siebten, achten Mal immer neue Lieder oder neue Facetten. Da war irgendein flammender Zauber, der bei jedem neuen Hören die Wahrnehmung auf den Kopf stellte. Dylan sagte mal, er spiele mathematische Musik. Ich verstand, was er meinte. Er wusste genau, welche Wortpassagen wie wirkten und verknüpfte diese – wie selbst ich mit bescheidenen Musikkenntnissen erkannte – mit einfachen, aber auch nicht zu eingängigen Melodien. Blowin‘ in the Wind ist einer der wenigen Ausnahmen, ein Song, den auch ich heute nicht mehr hören kann (obwohl er je nach Cover-Version oder Lagerfeuer-Umfeld immer noch mächtig ist).

A propos Macht. Dylan ist ein Meister der Sprache. Und er weiss sie einzusetzen. Obwohl er immer betont hat, nur darzustellen. Einige seiner glorreichsten Stücke sind epische Hymnen voller Gesellschaftskritik («Black Diamond Bay»).

Dylan spielt in seinem eigenen Universum, sagt Dinge, die viele denken, aber keine Worte dafür finden. Er spricht Worte von grösserer Wahrheit, als dass sie mit lapidaren Dingen wie Politik und Tagesgeschäft in Übereinstimmung gebracht werden können. Und Dylan hatte immer Mut. Mut zu seiner Stimme, zu hoffnungslos triefenden Liebessongs, zu seiner Nacktheit.

Ich habe in der Folge mehrere Jahre lang das Werk von Dylan «erarbeitet» und dabei immer wieder neue Songs entdeckt und wieder- und wieder- und wiederentdeckt. Es war die Zeit, als man sich in den Anfängen des Internets mit Bootleg-Kopien aus den entferntesten Winkeln des Planeten eindecken konnte. Das Universum wurde immer grösser und mit Youtube bietet der meistgecoverte Musiker aller Zeiten heute ein endloses Sammelsurium an Dokumentationen, Live-Ausschnitten und nun auch Interviews, denen er sich jahrelang verweigert hatte.

Eine Liste der besten Bob-Dylan-Alben zu präsentieren, ist für Dylan-Bewunderer schwierig bis unmöglich. Dutzende sind geladen mit Substanz und drücken in meiner persönlichen Liste immer wieder nach oben, wenn ich sie eine Weile nicht gehört habe. Spontan ein paar Empfehlungen aus den «frühen Jahren»:

Blood on the Tracks: Ein Alltime-Superklassiker aus den 70ern. Trifft immer noch mitten rein. Das kann ganz schön durchschütteln.

Desire: Ein etwas anderes Dylan-Album. Zuerst der überragende Freiheissong «Hurricane» über den Boxer Rubin Carter. Dann folgt leiser, gewaltiger Zauber – irgendwo zwischen Karibik und Zirkus.

The Freewheelin‘ Bob Dylan: Wer nur Gitarre, Stimme und Text mag, muss dieses Album kennen. Unschuldig, fragend und wissend wie ein Kind.

Blonde on Blonde: Rockt immer noch ziemlich heftig. Nicht mein Lieblingsalbum, aber das vieler Dylan-Fans.

The Basement Tapes: Die mässige Live-Aufnahme trägt dazu bei, in den Keller mit Dylan und «The Band» einzutauchen.

Hard Rain: Was soll man dazu sagen? Dylan geht All-In.

Wer will, muss irgendwo anfangen. Ein Ende ist dann nicht in Sicht. Nur hören sollte man seine Musik. Und wenn man von einem berührt wird, den Text dazu studieren. So wird man zum Dylan-Bewunderer. Nur nebenher Dylan hören – das geht nicht. Dafür gibt’s schliesslich Radio.

Dylan2

Ich muss zugeben, in den letzten Jahren hat mich das Dylan-Fieber auch etwas verlassen. Meine Lieblingszeit bei Dylan waren die 70er (als ich zur Welt kam), dann die 60er. In den 80ern hatte er mittelmässige Alben und Songs, aber auch einige absolute Perlen (z.B. «Licence to kill»), wie auch später. Die Laudatio, die der Amerikaner in den letzten Jahrzehnten erfährt, ist verdient. Auch seine neuen Alben (sprich in den letzten 15 Jahren) bergen eine Handvoll grossartiger Songs in sich, aber die Magie der ersten 25 Jahre ist weg.

Erstaunlich, dass bei der gestrigen Nobelpreis-Verleihung gerade seine Entwicklung im neuen Jahrtausend besonders hervorgehoben wurde. Meiner Meinung nach konnte er die Kraft und Magie der 60er und 70er nicht halten – wie auch? Es ist eine stetige Metamorphose.

Und wer weiss, vielleicht muss ich die Neueren erst noch entdecken. Forcieren lässt sich das bei Dylan nicht. Aber vielleicht ist Dylan nun auch selbst einfach von der Zeit überholt worden. Weggefegt und von seinen Bewunderern mit Lobpreisungen, Oscars und Nobelpreisen am Leben gehalten. Dylan kümmert’s nicht. Er würde auf seiner «Neverending Tour» auch vor 10 Leuten spielen. Zu seinen Konzerten gehe ich zwar nicht mehr bei jeder Gelegenheit. Ist zwar immer noch eine verdammt rockige Sache, aber die Stimme des 75-Jährigen geht mittlerweile an die Schmerzgrenze – auch wenn ich gerne schön rede, wie man seine gesanglichen Qualitäten schon in den 70er Jahren von Seiten der Plattenfirma rechtfertigte «Nobody sings Dylan like Dylan».

Aber es gibt ja auch viel andere gute Musik. Und ich kehre auch immer wieder zu Dylan zurück. Sein Repertoire (und das seiner Coverer) ist derart umfangreich, dass man sich sozusagen den Musikstil auswählen kann, auf den man gerade Lust hat, und dann die entsprechenden Dylan-Songs hören. Im folgenden ein paar willkürliche Songs:

Für Einsteiger zuerst eine Hymne aus den 60ern, zuerst im Original (1963 Town Hall)…

…und dann in einer Coverversion aus dem Film «Born on the 4th of July» (1989)

Nun zu etwas Rockigerem. Rolling Stone Ronny Wood trifft Dylans «Seven Days» auf den Punkt.

Was anderes: Die beste Version des Songs «Going to Acapulco» kommt von Calexico im sehenserten Film «I’m not there».

Eddie Vedder killt 1991 – zu Bob Dylans 30-Jahr-Jubiläum seit dem ersten Album! – den Antikriegssong «Masters of War»

Bob Dylans «Hurricane» in einer TV-Show ist einer der wenigen Live-Aufnahmen des Songs (1975). Wer die Geschichte nicht kennt, kann in eine äusserst spannende Story eintauchen.

Vielleicht noch ein paar leisere Töne. Sophie Zelmani hat eine schöne Version von «Most of the time» im Palmarès, leider nicht die beste Aufnahme.

Gehen wir zum Original zurück – zuerst ganz weit bis in die frühen 60er. Da spielt Dylan «Love Minus Zero». Was für ein Liebeslied!

Zum Schluss das obligate «Like a rolling stone» aus der Royal Albert Hall 1966 (einige Dylanologen behaupten, die Aufnahme stamme von einem Konzert eine Woche früher. Wie auch immer.) Mit seiner Überführung der Folk- in die Rockmusik – der Einführung von substanziellen Texten in die populäre Musik – hat Dylan die Musikgeschichte geprägt, mit einem Ausrufezeichen verteidigte er dies gegenüber seinem Publikum («Judas!), das an diesem Abend oft sein Gegner war.

Wer in den Dylan-Palast eintritt, wird reichlich belohnt. Nicht nur mit einem Sammelsurium von unzähligen guten (und wenigen schlechten) Alben, sondern auch durch Bücher von und über Dylan (lesenswert: Chronicles), Dokumentationen und Filmen (fantastisch: I’m not there) – persönliche Entwicklung garantiert!

Bob Dylan wurde am 24. Mai 75 Jahre alt und gewann gestern, am 13. Oktober 2016, den Nobelpreis in Literatur. Er weiss, Momente mit seinen Worten festzuhalten. Momente, die für Menschen nicht zum Festhalten vorgesehen sind. Für mich ist er ein weiser, menschlicher Überirdischer. Die muss man nicht anbeten. Sein Geburtstag ist einfach nur ein Tag, der Award einfach ein «Lebenszeichen».

Gibt’s für den Nobelpreis eigentlich einen Pokal? Oder wenigstens eine Medaille?

 

(Bilder: Wikipedia)

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