Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute, wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie.

Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben. Diese Perlen dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

Den Churer Rapper Ali traf ich erstmals so um die 2008/09. Ich war zu dieser Zeit am Weibeln für meine Band Virus of the Cactus und wollte im Jugendhaus Chur einen Gig klar machen. Er hing damals noch relativ unscheinbar mit dem Dunstkreis von Lil’ Chi2co rum. Dann produzierte ich im Jahre 2009 erstmals einen Rapsampler mit vielen regionalen Künstlern. Von diesem Moment an, wuchsen die Connections in diesem Bereich rasant. Immer wieder fiel der Name Ali und ich konnte anfangs nicht so wirklich einschätzen, ob dies nun ein Witz wäre oder tatsächlich ein rasant wachsendes Talent. Dann setzte ich mich an den Nachfolger des Bock uf Rap-Debüts und schnell wurde klar, dass hier ein Künstler gewachsen war, der den Bündner Rap rasch nach vorne bringen und revolutionieren würde. Ich sass bei Lou Geniuz, der sich damals kurzzeitig bei seinem Mentor Tom Gartmann eingemietet hatte und mischte den Tonträger «Bock uf Rap Vol. II». Inzwischen mit einem nostalgischen Blick und der zeitlichen Erfahrung, weiss ich dass dieses Werk eines der wichtigsten meiner Karriere gewesen ist. Denn auf der CD versammelten sich das «who is who» des Schweizer Raps. Da war beispielsweise der Hippiebus-Dodo, Steff la Cheffe, Fratelli B., Hans Nötig, DaMos, LIV, Hedgehog, Liricas Analas und eben auch dieses eine neue Talent namens Ali. Ich kann mich noch bildlich an den Moment des Masterings erinnern, da damals jemand zur Tür reinkam, dessen Freundschaft meine musikalische Karriere weit nach vorne gebracht hat: Geesbeatz. Er war derjenige, der den Track von Ali in letzter Sekunde gerüstet hatte und noch kurz vorbei brachte. Zum guten Glück brachte er den Track noch auf dem Tonträger unter, denn so wurde mir einer der grössten Rapnummern überhaupt quasi geschenkt. Beim ersten Hören wurde mir sofort bewusst, der Junge gehört auf den Churer Rapthron!

Persönlich lernte ich Ali ein wenig später kennen. Erstmals live gesehen habe ich ihn am «Bock uf Rap Festival», das ich am 1. September 2012 im Kulturhaus Chur veranstaltete. Damals war Ali zwar schon ziemlich aktiv in der Szene als Liveact unterwegs, jedoch liess die erste komplette Veröffentlichung von ihm noch ein wenig auf sich warten. Der schweizweite Hype rollte rasant auf ihn zu, was vor allem dank der medialen Unterstützung des inzwischen eingestampften Senders Joiz und seiner Anfreundung mit der pulsierenden Luzerner Szene passierte. Die Popularität des jungen Churers wuchs unaufhaltsam und dies verdientermassen. Hier hatte sich ein Talent aus der Masse gelöst und war bereit seinen Weg mit viel technischer Raffinesse, epischen Liveshows und des Herzens eines Tigers zu beschreiten. Ich habe es selten erlebt, dass eine solche Schar an Menschen richtig heiss auf ein Debüt war, wie auf das Album «Gokus letschti Willa» von Ali.

2013 war es endlich soweit. Es gab eine kleine Auflage der CD bei Kaya im Qair Store in Chur zu erwerben. Dazu gab es ein T-Shirt mit dem Logo von Ali drauf, welches ich heute noch besitze und sich als ziemlich reissfest auch nach vielen Waschgängen erwiesen hat. Diese Geste von Ali Cetin empfand ich als sehr grossherzig, denn er hätte das Album auch einfach in jeden Laden stellen können und vielleicht recht viel Geld damit einheimsen können. Er und sein Produzent Gees wollten jedoch lieber den Qair Store unterstützen und so gelang ihnen das vollkommen. Einen Teil der CD gab es zum Freedownload und wer noch mehr davon haben wollte, bekam die Gelegenheit bei einem Besuch des Qair Stores.

Hier der Besuch von Ali bei Joiz knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung des Debüts:

So viel zu der langen Geschichte ums Debüt. Es ist Zeit, King Ali zu lauschen.

Bereits mit dem ersten Track «Epic (Intro)» klärt Ali alle Fronten und positioniert sich zwischen Story- und Battlerap. Ein Intro in dem der Churer in einer Minute mehr Punchlines bringt, als andere Rapper auf einem ganzen Longplayer. Epic eben.

Dann kommt die Ode auf die Heimat mit dem Lied «Mini Stadt». Technisch facettenreich und abwechslungsreich. Erstmals zeigt er auch sein Gespür mit einem kultverdächtigen Refrain.
Eine der Lines, die mich heute immer noch zum Schmunzeln bringt und ein wenig zu meinem Motto wurde, ist ebenfalls in der Hymne enthalten: «Gees, trüll dia Sonata uf. Khum zum Gees ins Studio, wenn Soldata bruuchsch.»

Auf «Nüt bessers» ist mit dem Rapper LIV erstmals auch ein Gast auf dem Longplayer vertreten. Triologisch zu Rappen ist kein Kinderspiel, doch Ali zeigt, wie einfach es eigentlich sein könnte. Eine Lehrstunde für jeden jungen Rapper. Die Hook von LIV passt wie die Faust auf’s Auge auf diesen Track.

Dann folgt der «Samstig Obig», den Ali mit seinem Mentor Milchmaa aufgenommen hat. Dies ist etwas, was ich an Ali sehr bewundere; er vergisst seine Wurzeln nicht. Denn ohne einen Milchmaa, Livty oder auch einen Geesbeatz wäre der Rapper heute sicher nicht so erfolgreich, wie er es heute ist. Diese «Rhiiquartier Featurings» sind immer ein Highlight und leider ein klein wenig rar geworden. In meiner Phantasie wünsche ich mir heimlich ein Kollaboalbum der zwei Ausnahmekünstler. Das würde dann aber wahrscheinlich deftig viele Rapper vom Markt verschwinden lassen. Darum ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn nur hin und wieder eine gemeinsame Perle im Rheinquartier gefunden wird und auf Tonband gedrückt wird. Dieser Track hier ist übrigens meiner Meinung nach ziemlich die erste Kollabo der zwei Sprechgesangskünstler.

Einer meiner absoluten Lieblingssongs von Ali ist der «Verlogeni Mcs». Nur schon die Chinesenlinie ist eine der witzigsten, die ich jemals gehört habe. Hier hört man Young Ali bei seinem ziemlich ersten Track, wie er recht facettenreich erklärt, warum es so einen wie ihn in dieser Szene unbedingt braucht. Der Refrain ist ein verdammter Hit, der sich schneller in die Ohrmuscheln fest setzt als Ali rappen kann.

Beim Song «Hagane» gibt es eigentlich nur ein Wort, das passend ist: HIT!

«Last Samurai» feat. SM und LIV empfinde ich eher als einen Füller auf dem Tonträger. Dafür stellt er den Rapper SM einem grösserem Publikum vor und malt ein düsteres Kriegsbild. Hier hört man die Faszination von Ali für fernöstliche Kulturen.

Der Titeltrack «Gokus letschti Willa» ist Punchlinespucken auf hohem Level. Liebe zu Chur, Leidenschaft für das Rapgame, verbunden mit seinen technischen Feinheiten, entfacht Ali mit diesem Track einen Flächenbrand.

Dann folgt der kraftspendende Aufmunterungstrack «Ventil» im Kollektiv mit SM. Eine der berührendsten Momente auf dem Album, der tief unter die Haut fährt und einem in der kalten Jahreszeit nicht mehr loslässt. Während er zuvor vor allem bewiesen hat, dass er technisch einer der Besten der Szene ist, öffnet er nun mit dieser Nummer seine Schale und bringt seinen weichen Kern zum Vorschein. Sehr gelungen und immer wieder als Livenummer ein Track, der das ganze Churerfest berühren kann.

Das in Chur eines der grössten Talente seit Jahren heran gewachsen ist, blieb auch den Grossen im Bündner Musikkosmos nicht verborgen. So pushen sich auf dem Track «Locker II» Vali von Breitbild und Ali gegenseitig zu Höchstleistungen an. LIV gibt dem Mördertrack den passenden Anstrich mit seiner mitsingbaren Hook. A Masterpiece!

Angestachelt vom Vorgängertrack beweist Ali auf «Sand vur Ziit» noch einmal wie schnell er eigentlich wirklich ist. Ich bekomme nur schon beim Zuhören Schnappatmung und ziehe erneut meinen Hut.

«Zu spät» feat. ZDW, UGR und SM ist ein Cyphertrack, wie ich ihn extrem feiere. Jeder Rapper bringt ein paar frische Rhymes und überbietet den anderen. Ein solches Lied gehört auf jede Rap-CD und dieser hier ist sehr gelungen.

«Bis am Schluss» feat. LIV ist die perfekte Abschlussballade mit dem genialistischen Sample aus Vampire Diaries. Besser kann man das runde Werk fast nicht abschliessen. Das Liebeslied an den Rap ist verträumt und bringt endlich auch wieder LIV zu einer epischen Strophe ans Microphone. Bisher hatte er ja auf diesem Album vor allem für coole Hooks gesorgt. Deep und nochmals ein Zeichen, dass die Musik, die in Chur produziert wurde, nicht aus kommerzieller Absicht, sondern aus Liebe zum Spiel gemacht wird.

Schlussfazit:
Ali Cetin und seinem Produzenten Geesbeatz ist mit «Gokus letschti Willa» eine echte Bündner Rapperle gelungen, die den Zeitgeist am Schopf gepackt hat und der Deutschschweiz gezeigt hat, wie viel drin liegt, wenn man aus Liebe ein Album produziert. Beim Album gehen Hymnen und Balladen, sowie messerscharfe Battletracks und einfühlsame, tiefgehende Momente Hand in Hand, was das Album zu einer runden Sache mit rotem Faden machen. Für die nachwachsende Generation an Hip Hop Fans wird dieses Album vielleicht ein bisschen so sein, wie es «Narrafreiheit» von Breitbild oder «Dorfgschichta» von Sektion Kuchikäschtli für mich war. Wegweisende Scheiben, die einem prägen und jahrelang begleiten.

Ali arbeitet zurzeit an seinem ersten grossen Album, welches in naher Zukunft erscheinen wird. Meine Vorfreude darauf ist grenzenlos. Die Black Eyed Peas haben vor kurzem wieder gefragt: «Where is the love?». Wenn es um Liebe für die gute, langlebige Rap-Musik geht, gibt es darauf nur eine korrekte Antwort: «QR7000»

Das Debüt von Ali gibt’s hier zum freien Download.

Mehr Informationen zu Ali findet ihr auf Facebook.

 

(Bilder: Facebook)