Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom hässlichen Entlein von Hans Christian Andersen? Wer die Geschichte nicht von seiner Mutter oder dem Grossvater vorgelesen bekam, der hat sicher den gleichnamigen Song des Schweizer Baurockers Gölä mitgesungen.

Als ich diesen Frühling über den Albula-Pass ins Engadin fuhr, blitzte auf dem Lai Palpuogna das Weiss eines Schwans durch die Bäume. Ich hielt an und suchte den Schwan, da war er, jedoch viel zu gross und zu klobig für einen Zugvogel. In der Tat war es nur ein Tretboot in Form eines Schwans, welcher extra für Dreharbeiten einer belgischen Senioren-Dating-Show auf den See hochgefahren wurde. Als ich den weissen Schwan da so gemächlich auf dem See schaukeln sah, ging mir durch den Kopf, wie wir im Gymnasium die Metapher hinter Andersons Geschichte erarbeiten mussten. Abgesehen davon, dass Anderson sein persönliches Schicksal in der Geschichte verarbeitete, handelt diese auch vom Erwachsen werden, davon, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen, von Initiative und vom gemeinsamen Wirken. Es ist aber auch die Geschichte vom achtsamen Umgang mit der Vergangenheit, dem bewussten Leben in der Gegenwart und von offener Haltung gegenüber der Zukunft.

Für die belgische Dating-Show musste der Schwan auf dem Lai Palpuogna wohl eher als verklärtes Symbol von Liebe herhalten, aber für mich war er doch auch Sinnbild für den Kanton Graubünden.

Kürzlich wurde ich gefragt, was denn das für Werte seien, welche ich in meinen Hochschulengagements oder auch hier bei GRHeute postuliere. Unter anderem bin ich davon überzeugt, dass der Kanton Graubünden seine Vergangenheit nicht negieren darf, dass wir Altes achtsam erhalten sollten, sei es die vielfältige Natur, die wunderbaren Bauten oder die vielschichtige Lebensweise der Menschen im Kanton. Dazu gehört auch das karge Leben und die Armut vergangener Tage, ferner –  wenn auch nicht rühmlich – das Blutvergiessen in den Kriegen, gefolgt vom wirtschaftlichen Aufschwung, mit welchem unsere Ahnen den Kanton zu einem starken und selbstbewussten Partner innerhalb der Eidgenossenschaft gemacht haben. Im Jetzt und Heute geschieht viel Anregendes und Positives, nicht nur in der grossen Politik in Chur, sondern auch in den Regionen in den Tälern. Wir leben in sozialer Sicherheit und einem so zuvor noch nie da gewesenen Wohlstand. Aus dieser privilegierten Position heraus kann der Kanton und können die Menschen heute die Zukunft offen und selbstbestimmt gestalten. Wir hatten noch nie so viel Freiraum und Kapazitäten, um auf Neues oder gar Unerwartetes zu zugehen.

So sah ich voller Zuversicht auf den weissen Schwan, wie er würdevoll auf dem klaren Wasser des Lai Palpuogna dahinglitt, und freute mich darüber, dass unser Kanton nicht nur uns und dem Tourismus, sondern auch unseren Gästen Flügel verleiht.

 

Lieber Ditti

Ich erinnere mich gut an das Lied von Göla mit dem «Schwan». Kam ich doch damals aus einer meiner Sommersaisons in der Türkei in den Schweizer Winter zurück und abends im Après-Ski sangen alle Skilehrerkollegen den Schwan, nur ich hatte keinen blassen Schimmer, weder von Göla noch von seinem Schwan.

Der Text bei Christian Andersen wie auch bei Göla hat es aber wirklich in sich! Aus jedem «hässlichen Entlein» kann ein schöner Schwan werden, wenn er sein eigenes «Ich» entwickelt. Als Persönlichkeit nimmt man vielmehr den Auftritt und die Aura wahr denn die äussere Erscheinung. Und so sehr auch Schönheit zu verzaubern mag, sind die inneren Werte am Ende die nachhaltigere Investition.

Der Bündner Tourismus könnte sich also am weissen Schwan durchaus ein Vorbild nehmen. Wohlwissend, woher wir kommen und welchen Weg wir gegangen sind, nun den Blick nach vorne richten und in die Zukunft schreiten. Die Destinationsidentität schärfen (Positionierung) und sich ein persönliches Ich, eine eigene DNA erschaffen, anstelle sich im Einheitsbrei von blauem Himmel und sonnigem Bergpanorama verstecken. Sich seiner Stärken bewusst werden und diese ausspielen, so dass sich niemand mehr an die Zeiten als hässliches Entlein erinnert. Und sich – bezogen auf Deinen Schwan am Lai Palpuogna – auch einmal ausserhalb seines gewohnten Gewässers aufhalten. Um so einerseits neue Gewässer kennen zu lernen, aber auch um auf sich aufmerksam zu machen.

Der Bündner Tourismus hat diese Werte, von denen Du sprichst. Nur glauben viele oftmals nicht mehr daran.

Bruno Fläcklin
Tourismusdirektor Ferienregion Lenzerheide

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.