Die Frage „Was ist Graubünden?“ scheint für einen Bündner leicht zu beantworten zu sein. Bestenfalls ist es Geburts-, Heimat- und Arbeitsort in einem, ein Lebensraum voller Begegnungen und Erinnerungen mit markanten Bergen und einer ebenso markanten Geschichte. Ein Identifikationsraum auf welchen wir stolz sind – das GR an unserer Autonummer verklären wir gerne zum Statussymbol.

Graubünden ist eines der Aushängeschilder der Schweiz, doch was assoziieren waschechte Berliner an einem sonnigen Augustnachmittag auf dem Ku’damm in Berlin mit Graubünden?

Hans-Peter (49), Sicherheitsmann bei einer gossen deutschen Einkaufskette der gerade Pause macht, überlegt: „Is ne Stadt soweet ick weess, oder n’ Dorf oder so, irgendwo an der Ostsee glob ick?“. Auf die Nachfrage ob er schon was von der Ortschaft Davos gehört hat strahlen Hans-Peters Augen und er lacht: „Davos nüscht kostet“! Vor dem Einkaufszentrum steht Elfi (67) und tippt gerade eine SMS in ihr leuchtend rotes Handy. Was sagt ihr Graubünden? „Natürlich kenne ich den Kanton Graubünden, dort habe ich wunderschöne Urlaube verbracht“. Felix (28) ist in Eile, er kettet gerade sein Fahrrad ab und antwortet hektisch: „Irgendetwas verbinde ich mit Graubünden, aber mir fällt jetzt gerade nicht ein was“. Auf die Nachfrage ob er St. Moritz kenne ruft er uns beim Wegfahren noch über die Schulter zu: „Ach ja, da war ich schon mal zum Skilaufen“. Am Treppenabgang zur U-Bahn steht Verena (56) und raucht verträumt ihre Zigarette zu Ende. Auf die Frage, was sie mit dem Wort Graubünden verbinde, zuckt sie nur mit den Schultern: „Det sacht mir jar nüscht“. Der aus Peking stammende und seit 15 Jahren in Berlin lebende Cheng beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage: „Was ist das?“. Hingegen weiss die 15-jährige Französin Mara, dass in Graubünden das World Economic Forum zu Hause ist und schwärmt vom Viande des Grisons. Yen (40) meint, Graubünden könne ein Wein sein, vielleicht ein Grauburgunder? Aber nein, in Berlin stehen die Wahlen bevor, also ist es sicher ein neues Bündnis einer Partei. Doch als sie erfährt, dass St. Moritz in Graubünden liegt, bestätigt sie freudig, dass sie dort schon zum Skiurlaub war.

Berlin

Ein paar U-Bahn Stationen weiter, im Bezirk Wedding, steht Marta (66) mit einem Glas Weisswein an der Bar des Prime Time Theaters. Sie ist sich völlig sicher und erklärt uns kurz und bündig, Graubünden liege in Bayern. Auch Sven (36), Prototyp eines Berliner Hipsters, höflich und charmant, setzt Graubünden ins Ausland: „Ist das nicht beim Wilden Kaiser oder so?“. Doch nur ein Tisch weiter kommt Ulrich (76) beim Thema Graubünden ins Schwärmen: „Ja, da waren wir letztes Jahr und sind mit dem Glacier Express nach Zermatt gefahren.“ Ulrich wäre gerne noch länger in Chur geblieben, doch der Zeitplan habe es leider nicht erlaubt.

So erfahren wir an einem Nachmittag in der Bundesdeutschen Hauptstadt über unsere Heimat Graubünden wohl mehr als uns lieb und recht ist. Doch eines ist durch diese kleine nicht repräsentative Umfrage klar geworden: Graubünden hat im Ausland – wissentlich oder unwissentlich – einen hohen emphatischen Wert. Die Ortschaften Chur, St. Moritz und Davos haben eine starke Ausstrahlungskraft, unsere Berge und Seen als Erholungs- und Sportgebiet eine ungebrochene Anziehung. So sollten wir nicht verklärt auf das GR auf unserem Nummernschild stolz sein, sondern darauf, dass wir diesen Ort unsere Heimat nennen dürfen – etwas, wovon andere nur träumen können.

 

(Bilder: Ditti Bürgin-Brook)