Tourismus.total: Der Berg ruft… oder soll er still sein?

Das vergangene Wochenende war in Lenzerheide eines der stärksten über die letzten Jahre. Seit Bestehen, durften die Bergbahnen einen neuen Rekord der neuen Gondelbahn Rothorn 1 schreiben, die Älplerchilbi begrüsste über 700 Gäste, das Lido am See war prall gefüllt und die Parkplätze ohne freie Reihen. Wanderer, Biker, Spaziergänger: alle genossen den herrlichen Sommertag. Der Berg ruft… und alle kommen… oder doch nicht?

Momentan häufen sich auf meinem Schreibtisch die Rückmeldungen von Gästen aus allen Segmenten (Tagesgäste, Feriengäste, Zweitwohnungsbesitzer, Einheimische) über die fehlende Ruhe in der Natur, rüpelhaftes Verhalten von einzelnen Natur-Nutzern, überfüllte Restaurants, Lärm und Kindergekreische. Der Berg ruft… und alle sollten möglichst weghören.

Als Marketingorganisation einer Feriendestination steht man immer im Clinch zwischen dem Wunsch nach Ruhe und Erholung, Aktivität und Spass, Wertschöpfung oder leere Kassen. Was die einen lieben, gefällt anderen weniger. Was die einen suchen, suchen andere nicht. Ist es überhaupt möglich, hier einen Einklang zu finden und alle Gästegruppen zu befriedigen?

Vor einigen Wochen ging ein Aufschrei durch den Zeitungswald der Schweiz. Andreas Züllig, Präsident von Hotelleriesuisse und Hotelier in Lenzerheide, forderte eine Vision für den Alpenraum, um die darbende Tourismus-, Bau- und Energieindustrie zu beflügeln. Er denkt über eine «Verzichtspolitik» nach, welche eine Erschliessung und eine Weiterentwicklung entlegener Bergtäler in Frage stellt und somit aus dem Giesskannenprinzip von Steuergeldern einen Verwendungsplan nach betriebswirtschaftlichen Ansätzen machen würde. In seinen Gedanken belässt man Zufahrtsstrassen in «Randregionen» im jetzigen Zustand und unterhält diese, baut sie aber nicht aus. Man investiert dort nicht mehr in neue Grossinfrastrukturen wie Bergbahnen oder touristische Bauten, sondern überlässt die Natur sich selbst und gibt Raum für Natur- und Umweltschutz frei. Gleichzeitig stärkt man bereits intensiv genutzte Räume mit zusätzlichen Investitionen und schafft so überlebensfähige Wirtschaftsräume im Alpenraum, welche Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, Wohnraum schaffen und langfristig eine Zukunft haben.

Eigentlich ein spannender Gedanke. So würde sich ja vielleicht mein Berg an Gästerückmeldungen auch von selbst erledigen. Ruhesuchende Gäste könnten in diesen naturnahen Erlebnisräumen ihre Freizeit verbringen, die Preise für Immobilien in diesen Regionen würden steigen, die steigende Gästezahl der Ruhesuchenden würde einigen, noch dort wohnhaften Einheimischen und kleinen feinen Läden mit Regionalprodukten, Einkommen bringen. Dort würden sich die Flora und Fauna erholen, Mikroorganismen finden ihren Lebensplatz und vielleicht würden sich ja gefährdete Arten von Blumen und Tieren dort auch vermehren und den Erhalt sichern. Und in den neuen Tourismuszentren könnten sich Biker, Wakeboarder, Erlebnis- und Spasssuchende austoben, die Hotels wären gefüllt mit zufriedenen Schweizern, die nicht mehr ins Ausland reisen müssten, man könnte bis spät nachts Konzerte durchführen, es würde getrunken und gegessen, Netzwerken bekäme eine neue Dimension und vor allem könnte die Wertschöpfung wahrscheinlich massiv gesteigert werden.

Dies aber bleibt wohl eine träumerische Vision. Auch verständlich, denn in der föderalistischen Schweiz ist Verzichtspolitik weder auf Gemeinde, noch auf Kantons- oder sogar Bundesebene vorgesehen.

Und somit werden wir zum Glück auch weiterhin – an sonnigen und warmen Tagen – die ruhesuchenden, aktiven und Spass suchenden Gäste gleichzeitig am Berg haben, werden zufriedene und weniger glückliche Gäste begrüssen und erklären, weshalb unsere wertschöpfungsorientierte Tourismuspolitik nicht alle Gästebedürfnisse gleichzeitig erfüllen kann.

Übrigens, wenn der Berg bei Regen ruft, tut er das oftmals schön still.

Bruno Fläcklin, Tourismusdirektor der Ferienregion Lenzerheide

Kommentar

Lieber Bruno

Wer sich nicht positioniert, geht im Mainstream unter. Oder anders ausgedrückt: wer sich nicht fokussiert, wird nicht wahrgenommen – und zuletzt nicht gebucht.

Ich finde Deine Ausführungen und die von Andreas Züllig spannend. Positionierung, Fokussierung oder Konzentrierung sind der Schlüssel zum Erfolg. Alles im Regal zu haben, bedeutet oft auch nichts zu verkaufen.

Ich finde es richtig, wenn wir in Graubünden einige starke Destinationen haben, die voll auf die Karte «Aktion» setzen – und somit auch Wertschöpfung generieren. Die Rechnung geht aber nur dann auf, wenn andere Destinationen voll auf die Karte «Kontemplation» setzen. Diese Destinationen werden wohl weniger Umsatz generieren, betreiben aber Wertschöpfung mit dem Schwerpunkt auf «Werten».

Der Kampf der Destinationen beginnt dort, wo die kontemplativen Destinationen, und somit ihre Menschen, das Gefühl haben, auf etwas verzichten zu müssen. Und die Aktions-Destinationen das Gefühl haben, etwas Besseres und Grösseres als die «Kleinen und Feinen» zu sein.

Das Gegenteil muss der Fall sein:

Es sind nicht potentialarme Räume, die sich Opfern müssen. Es sind nicht zukunftsdüstere Orte, wo das Leben sich verabschieden würde. Die kontemplativen Destinationen sind vielmehr der Kontrapunkt im Zusammenspiel mit den Aktions-Destinationen. Dieses Spannungsfeld, scharf mit den verschiedenen Angebots-Portfolios getrennt, würde Graubünden mit ungeahnter Energie nach vorne bringen.

Wenn aber weiterhin alle alles machen, werden nicht nur in der Peripherie vor lauter Ruhe die Lichter gelöscht.

Lieber Gruss vom Lago Maggiore in Ascona und Locarno (positioniert durch Kunst und Kultur)

Ernst Bromeis, Wasserbotschafter und Expeditionsschwimmer

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.