Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute, wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie. Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben.

Diese Perlen dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

2008 arbeitete ich gemeinsam mit dem Rapper LIV im Media Markt Chur. Ich hatte kurz zuvor meine Lehre als Detailhandelsfachmann begonnen und freute mich mit einer «Berühmtheit» zusammenzuarbeiten. Zuvor hatte ich eigentlich eher wenig Interesse an Rapmusik, doch Livty ermöglichte mir mit seinen Tipps einen einfacheren Zugang. Das war sein Sommer, denn er hatte mit «OBK» einen grossen Coup gelandet. Bald darauf kaufte ich mir sein grosses Soloding «Abgrund». Dort entdeckte ich einen Rapper namens «DaMos» und war ab der ersten Zeile ein grosser Fan. So recherchierte ich wie wild und fand ihn in diversen Projekten von Bündner Rappern wieder.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich José Federspiel ein erstes Mail schickte. Es war die Zeit als www.graubuendenmusik.ch von Hampa Rest noch Hochkonjunktur hatte und alle wichtigen Bündner Musiker ihre Pressemappen dort platzierten. Dort war auch DaMos drauf und ich wollte mir seine ganze Diskografie kaufen. Er schrieb mir freundlich zurück und es entstand eine gute Freundschaft. Bald darauf machte er praktisch alle Covers von mir und wir trafen uns ziemlich oft.

DaMos bloss als Rapper zu degradieren, würde ihm nicht gerecht werden. Der Emser Federspiel ist einer der wichtigsten Einflüsse in der Bündner Musikszene. José teilte und lehrte wo es auch immer ging. Kaum vorstellbar, wie Rap in Graubünden sich heute anhören würde, wenn solche Menschen wie er sich nicht aktiv für die Jungen in Szene gesetzt hätten und unterstützend zur Stelle gewesen wären. Nicht nur seine Musik beeinflusste viele, auch seine Graffitikunst infizierte beispielsweise den jungen Fabian Florin aka «Bane».

Wenn jemand als ziemlich kompletter Künstler in Graubünden bezeichnet werden kann, dann ist es José Federspiel.

Denn neben seinem enormen Einfluss auf die Szene, hat er auch in der Welt der Videoclips neue Standards gesetzt. Als erster Rapper setzte er Elektro-Elemente, wie er später bei den Liricas Analas sehr populär geworden ist. Er produzierte seine Musik selbst – das erste Album «Kaosforschig» sogar auf einer Gamekonsole. Unvorstellbar heutzutage, aber auf jeden Fall eine Anekdote wert.

Er war Vorreiter, Einfluss, Vorbild und so vieles mehr, ohne die Bodenständigkeit zu verlieren. Ich lernte ihn als weltoffenen Menschen ohne Drang zum Übertreiben kennen. Er hatte immer ein offenes Ohr und war keineswegs verbittert, das der Ruhm – der ihm eigentlich rechtmässig zugestanden hätte – ausblieb.

Am besten von allen Werken des Emsers gefiel mir immer schon «Kaosforschig 2» aus dem Jahre 2005. Das epische Intro und der erste Track «Bizz» mit den wuchtigen Gitarren holten mich total ab. Das war kein Gangsta-Rap, sondern ein wortgewandter Mensch, der wusste wie man Rap eine neue Richtung zu geben vermochte. Ich habe diese Scheibe gefressen und sie beeinflusst mich auch heute noch sehr. Die Metapher mit den Moses-Geboten fand für mich persönlich in «Dia 4. Regla» und der gleichzeitigen Hymne für Chur ihren Höhepunkt. «Tik Tik Tak» ist heute noch eines der besten Battletracks und Videoclips der Szene. Die witzigen Skits auf dem ganzen Album gaben den Tracks die richtige Würze und laden auch heute noch zum Schmunzeln ein. Das Album ist jedoch nicht nur gerade nach vorne wie der Song «Hous!». Der grosse Storyteller «Susanne» lies mich beim ersten Hören recht nachdenklich zurück. «Dia Welt» ist sozialkritisch durch und durch ohne den grossen Zeigefinger auszupacken. Einer meiner liebsten ist «Stadtrand», der immer noch sehr bewegt und zum mehrmaligen Reinhören animiert.

DaMos hat mit «Kaosforschig 2» ein Album geschaffen, das mir als Rockhörer eine Faszination für Mundartrap einbrachte. Metaphernreich, technisch mit einer unglaublichen Zungenfertigkeit, die aus Message anstatt Nonsense getrimmt wurde, hat er eines der besten, Bündner Perlen produziert. Die CD zeigt, wie viel ein einziger Künstler mit einer grossen Liebe für’s Detail und einer ungeheuren Getriebenheit erschaffen kann. Die One-Man-Show DaMos ist immer noch sehr aktiv. Schaut mal auf seiner Webseite vorbei, denn bei dieser Bündner Raplegende geht immer was.

DaMos.ch

 

(Bild: Facebook)