Philip Bartels, der für das Davos Festival eine eigene Kammermusikfassung der Oper «Die Schweizer Familie» erarbeitet hat, ist ein ganz besonderer Fund gelungen: Er hat eine verschollene Arie Richard Wagners aufgespürt. Ab 12. August ist sie am Davos Festival zu hören.

Erstmals seit 2010 bereichert wieder eine Opernproduktion das Davos Festival. Mit Joseph Weigels «Die Schweizer Familie» wartet das Festival 2016 mit einer echten Rarität auf, die eigens für das Davos Festival in einer neuen Kammermusikfassung arrangiert wird. Zudem wird eine lang verschollene Wagner-Arie im Rahmen der Aufführung nach 150 Jahren erstmals wieder erklingen.

Richard Wagner komponierte für das Singspiel eigens eine Einlage-Arie für den Darsteller des Vaters Boll. Die Arie geriet anschliessend in Vergessenheit und galt als verschollen. Bei seinen Recherchen in der Zentralbibliothek Zürich stiess Philip Bartels in der Schriftenreihe «Patrimonia» auf eine Skizze der handschriftlichen Arie Wagners. Diese schlummerte in den Bayreuther Archiven. Er kontaktierte das Wagner-Museum in Bayreuth und machte die Sensation perfekt: Nach über 150 Jahren des Dornröschenschlafs in den Archiven der Villa Wahnfried liegt dem Davos Festival nun ein Faksimile der Einlage-Arie vor, die anlässlich der Aufführung der «Schweizer Familie» beim Davos Festival am 12. August 2016 endlich wieder erklingen wird.

Idealbild der Schweiz in der Musik

So wenig wie Karl May je durch die Prärie des Wilden Westens galoppierte, haben auch Weigl und sein Librettist Ignaz Franz Castelli die Schweiz je bereist. Und so speist sich auch ihr Idealbild des Bergvolkes eher aus jener verklärten Alpenbegeisterung, die durch Werke wie Albrecht von Hallers «Die Alpen» oder Jean-Jacques Rousseaus «Julie ou La nouvelle Héloise» angefeuert wurde und die in der Literatur ebenso ihre Spuren hinterliess wie in der Malerei oder auf der Opernbühne mit Donizettis «Betly ossia La capanna svizzera». Mögen viele von Weigls eingängigen Melodien auch in traditionellen Schweizer Klangwelten wurzeln und dabei auch kurz den leicht verfremdeten «Kuhreihen» zitieren, ging es ihm bei der Komposition keineswegs um ein originalgetreues Abbild, sondern vielmehr um einen humorvollen Umgang mit liebgewonnenen Klischees und Trugbildern, die bewusst verwendet werden.

Im Vorfeld zur Davoser Uraufführung der Oper «Die Schweizer Familie» veranstaltet das Davos Festival am Dienstag um 16.00 Uhr eine Opernwerkstatt mit musikalischen Auszügen und Hintergrundgesprächen. Die Opernwerkstatt wird mit Sängern und Sängerinnen der Kunsthochschule Bern, dem musikalischen Leiter Riccardo Bovino, Regisseur Mathias Behrends sowie Dr. Matthias von Orelli, der mit einer Einführung und interessanten Hintergrund-information zur Oper, seiner Geschichte und Davoser Premiere durch die Werkstatt führt, gestaltet.

Veranstaltungsort ist die Klavierbauerwerkstatt Piano Rätia (Dischmastrasse 65, 7270 Davos Platz). In Zusammenarbeit mit dem Hotel Schima wird im Anschluss an die Opernwerkstatt zu einem abwechslungsreichen Apéro eingeladen.Der Eintritt für die Opernwerkstatt inkl. Apéro kostet pro Person CHF 40.-. Wenige Restkarten sind über die Geschäftsstelle (081 413 20 66) noch erhältlich.

DavosFestival

Die Schweizer Familie
Für den Salieri-Schüler und Mozart-Freund Joseph Weigl bedeutete «Die Schweizer Familie» einen der grössten Erfolge seiner Karriere. Die neben Mozarts «Zauberflöte» und Webers «Freischütz» meistgespielte Oper des 19. Jahrhunderts erzählt die Geschichte des Schweizer Bauern Boll, der einem deutschen Grafen nach einem Bergunfall das Leben rettet und dafür eine mehr als ungewöhnliche Belohnung erhält. Der Graf verspricht Boll und seiner Familie ein sorgloses Leben in Deutschland und lässt dafür, um dem Heimweh vorzubeugen, auf seinem Landgut ein idyllisches Schweizer Bergdörfchen nachbauen. Inklusive einiger von den Autoren liebevoll aufs Korn genommener Klischees und einer guten Portion musikalischen Lokalkolorits.

Allein in Wien, wo «Die Schweizer Familie» am 14. März 1809 aus der Taufe gehoben wurde, brachte es das Singspiel auf über 200 Aufführungen und sorgte später in Prag, Budapest, St. Petersburg, Paris, Kopenhagen, Helsinki und Amsterdam für ähnliche Begeisterungsstürme, wie in Berlin oder Mannheim, wo ein Rezensent urteilte: «Weigl übertrifft in dieser Oper sich selbst, und in der Szene Emmelinens ‚Wer hat mich je traurig gesehen‘ seine ganze übrige Oper. Beide sind bereits in andern Journalen so oft und viel besprochen worden, daß jedes ausführlichere Urtheil darüber hier Überfluss wäre». Sogar in New York und Philadelphia, wo «The Swiss Family» in englischer Übersetzung gegeben wurde, schwelgte man selig in Weigls Melodien, ehe das Werk Ende des 19. Jahrhunderts allmählich in Vergessenheit geriet.

Prominente Bewunderer und Kritiker

Die Eidgenossen selbst lernten das Werk zunächst 1812 in Bern kennen, ehe sich Zürich und Luzern anschlossen, wo u. a. Felix Mendelssohn 1831 eine Aufführung besuchte. Franz Schubert zählte die durchaus mit einem Augenzwinkern zu verstehende «Schweizer Familie» zu seinen erklärten Lieblingsopern, was dem aufmerksamen Zuhörer auch im Liedzyklus «Die schöne Müllerin» nicht entgehen dürfte. Ein Urteil, mit dem Schubert nicht allein dastand. Auch Carl Maria von Weber macht sich für das Werk stark und Richard Wagner brachte das Singspiel 1837 in seiner Zeit als Kapellmeister in Riga auf die Bühne.

 

(Bild/Quelle: zVg.)