Gemäss Fabian Renz und seinem Artikel im «Tagesanzeiger» steckt Graubünden tief in der Krise. Schon gestern hat auf der GRHeute-Redaktion eine Weggezogene und eine Zugezogene ihre Meinung geäussert. Für unseren Ausland-Korrespondenten Franco Membrini liegt ein Teil der Lösung auf der Hand, werde aber kaum diskutiert.

Bei der Lektüre des Artikels «Vom Sturz des Steinbocks» vom vergangenen Samstag kamen gemischte Gefühle auf. Zum einen verletzter Stolz, zum anderen die schmerzliche Erkenntnis, dass der Autor recht haben könnte. Um die Zukunft Graubündens steht es momentan wirklich nicht besonders rosig.

Im Artikel von Herrn Renz fallen vor allem zwei Kritikpunkte am Kanton auf: Abwanderung (in einigen Fällen gar Entvölkerung ganzer Talschaften) und Mangel an Innovationskraft. Graubünden klammere sich zu sehr an Altbewährtes wie den Wintertourismus, ohne sich dem Lauf der Zeit anzupassen. Beides trifft zu, doch weshalb? Ein Blick auf die Statistik kann zumindest eine Teilantwort geben.

2014 studierten nicht weniger als 2’302 Bündner Studenten an Schweizer Universitäten (mit den Fachhochschulen kommen sogar nochmals über 1’200 Studenten dazu). Dies entspricht erschreckend genau den 2’278 Abgängern von Bündner Gymnasien im selben Zeitraum. Junge, kluge Köpfe verlassen aus mangelndem Bildungsangebot jedes Jahr in Scharen den Kanton und nehmen ihr Innovationspotenzial mit sich. Und wer könnte es ihnen verdenken? Wenn man sechs Jahre in der Kantonsschule zubringt, möchte man schliesslich auch Zugang zu höchster universitärer Bildung erlangen.

Das Problem liesse sich eigentlich verhältnismässig einfach lösen: Graubünden braucht eine eigene Universität. Dies würde nicht nur zahlreiche Studenten im Kanton behalten, sondern auch Köpfe aus anderen Landesteilen über die Rheinbrücke bringen, wie schon das Beispiel der HTW Chur zeigt. Verschiedene Beispiele bei uns und im Ausland zeigen, dass eine erfolgreiche Universität nicht immer 500 Jahre alt sein muss. Erst 1996 wurde die Università della Svizzera Italiana gegründet, und beherbergt nun 3’000 Studenten. Die Uni Luzern ist mit dem Gründungsjahr 2000 sogar noch jünger. Das Tessin und Luzern zeigen, dass es möglich ist. Der Nutzen einer solchen Institution steht ausser Frage. Ganz allgemein formuliert führt adäquate Bildung zu Innovation, ökonomischer Entwicklung und Arbeitsplätzen. Und obwohl Fabian Renz das «melancholische Lächeln der Schynschlucht» als positive Eigenschaft Graubündens hervorhebt, bezahlt dieses keine Löhne.

Hinzu kommt, dass Graubünden mit den verschiedenen Forschungsinstituten, der HTW, der Academia Raetica etc. bereits über einen sehr grossen Teil der nötigen Ressourcen und Infrastruktur verfügt. Letztere fasst schon jetzt die Bündner Forschung unter einem Dach zusammen und fördert mit der Graduate School Graubünden Doktorierende im Kanton. Es scheint fast, das einzige was der Universität Graubünden noch fehlt, ist öffentliches Interesse und ein Campus.

Und wie bereits Herr Renz in seinem Artikel schreibt, sind die Kantonsfinanzen intakt und würden ein solches Unternehmen verkraften. Obwohl die Universität Graubünden keine Utopie ist, wurde diese Möglichkeit zur Bekämpfung der klassischen Bündner Probleme, wie der Abwanderung, bisher kaum ernsthaft in Betracht gezogen.

Die Statistiken zum Bericht finden Sie hier.

 

(Symbolbild: Pixabay)

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