Die SP Chur will ihren Platz im Churer Stadtrat um jeden Preis behaupten. Für die zurücktretende Doris Caviezel-Hidber soll der Grossrats-Stellvertreter Patrik Degiacomi den Platz in der Stadtregierung einnehmen. GRHeute hat mit dem Kronfavoriten gesprochen.

«Mit Patrik Degiacomi schlägt der Vorstand der SP Chur den bestmöglichen Nachfolger von Doris Caviezel-Hidber vor», kommunizierte SP-Graubünden-Präsident Jon Pult am Montagmorgen auf verschiedenen Kanälen. Ob er der bestmögliche Kandidat überhaupt ist oder «nur» der bestmögliche der SP, bleibe hier dahingestellt. Fakt ist, dass Degiacomi einen interessanten Lebenslauf mitbringt: Der verheiratete Vater von zwei kleinen Buben wirft einen Fachhochschulabschluss in sozialer Arbeit der FH Zürich, ein Master in Sozialrecht der Fachhochschule Nordwestschweiz und ein MBA der Wirtschaftsuniversität Wien in die «Wahlschale». Seit vier Jahren ist der waschechte Churer Abteilungsleiter Prävention, Beratung und Betreuung der sozialen Dienste der Stadt Chur und führt dabei ein Team von 45 Personen. Noch interessanter ist, wo Patrik Degiacomi herkommt.

GRHeute: Patrik Degiacomi, herzliche Gratulation zur Nomination. Das muss ein schönes Gefühl sein, das Vertrauen der Partei zu geniessen?

Auf jeden Fall, obwohl bisher erst der Vorstand einen Vorschlag gemacht hat. Entscheiden werden die Delegierten am 12. November.

Das ist aber nur noch Formsache, oder?

Ich gehe davon aus, dass sie mich als Kandidaten wählen. Aber da muss man schon noch abwarten.

Wie ist die Partei an sie herangetreten?

Die Präsidentin der SP Chur kam auf mich zu und eröffnete mir, dass Doris Caviezel-Hidber zurücktreten werde und dass man allfällige Kandidaten sondiere. Der Rücktritt war zuerst ein Schock für mich, wir konnten sehr gut miteinander arbeiten, sie ist ja meine Vorgesetzte. Die Anfrage kam für mich sehr überraschend. Ich habe mir dann angehört, was der Wahlausschuss, Caviezel-Hidber und Angela Buxhofer zu sagen hatten und habe mich dann entschieden: Ja, ich will Stadtrat werden.

In ihrem «Selbstporträt» schreiben Sie von ihrer schwierigen Kindheit. Können Sie dies ausführen?

Mein Vater war Metallschlosser, meine Mutter Pflegerin. Ich war sieben Jahre alt, als sie sich scheiden liessen. Eine schwere Zeit für unsere Familie. Insbesondere für meine Mutter, die fortan alleinerziehend war. Sie arbeitete viel und verdiente dennoch so wenig, dass sie meine Brüder und mich nur knapp über die Runden brachte. Wie so oft bei Menschen in Armut, wollte es meine Mutter selber schaffen, nahm Hilfe kaum an und zerbrach letztlich am Druck: Meine Mutter wurde arbeitsunfähig und litt an Suchtproblemen – Alkohol und Medikamente. Wir waren oft unbetreut oder einer Mutter in desolatem Zustand ausgesetzt. Die Situation nagte auch an meiner Leistung in der Schule. Die dritte Klasse musste ich repetieren. Als kleiner Junge wurde mir spätestens jetzt klar, dass ich kein Kind aus der Mitte der Gesellschaft war. Ich lebte an ihrem Rand.

Wie sehr prägten diese Jahre den Menschen, der Sie heute sind?

Natürlich sehr. Ich habe gesehen, welche Notlagen es real gibt in der Schweiz und in Chur. Mich hat auch immer die Zufälligkeit daran irritiert. Nicht nur, welche Kinder es trifft, sondern auch, welchen Weg sie danach einschlagen. Man braucht in dieser Situation als Kind Glück, um an verschiedenen Orten Hilfe und offene Ohren zu finden – wie es bei mir der Fall war. Es kann nicht sein, dass wir die Lebenswege dieser Kinder dem Zufall überlassen.

Wie haben Sie damals den Weg aus dieser Situation gefunden?

In dieser Zeit wurde die Schule für mich zum sicheren Hafen. Ein Stück Normalität. Insbesondere eine Lehrperson wurde zu meinem Vorbild. Ich erkannte schon als Kind, dass mein Leben dank der Schule besser war und legte mich ins Zeug. Meine schulischen Leistungen verbesserten sich nachhaltig. Mit der Unterstützung der Katholischen Kirchgemeinde konnte ich nach einem Jahr Sekundarschule sogar meinem ältesten Bruder nach Disentis ins Gymnasium folgen. Dort fand ich sichere Strukturen und war gleich zu Beginn unter den Klassenbesten. Das machte mich stolz, gab mir Selbstvertrauen und stärkte meinen Willen. 1993 schaffte ich die Matura. Doch familiär gab es weiterhin viel Schmerz – drei Monate vor den Maturaprüfungen verstarb meine Mutter schliesslich an Krebs.

Nach dem Gymnasium habe ich ein Studium in Fribourg begonnen, brach dieses nach zwei Jahren aber ab. Ich habe dann berufsbegleitend soziale Arbeit an der Fachhochschule Zürich studiert, ein paar Jahre später einen Weiterbildungsmaster in Sozialrecht und in diesem Frühjahr noch einen Master of Business Adminstration MBA an der Wirtschaftsuniversität Wien abgeschlossen. Trotz Führungsverantwortung im Beruf und Vaterpflichten wollte ich meine Führungskompetenzen stärken und mich auch ökonomisch bilden.

Ich habe das aber nicht alleine geschafft. Viele Menschen haben mich dabei unterstützt: Engagierte Lehrpersonen, die Katholische Kirchgemeinde, Personen in der Familie und im Umfeld, viele Freundinnen und Freunde und in den letzten Jahren vor allem meine wunderbare Frau, die Liebe meines Lebens, und meine beiden Kinder, die mir täglich Kraft geben. Ohne diese Menschen wäre es undenkbar, dass der verunsicherte, sitzengebliebene Junge von einst heute für den Stadtrat kandidiert.

Sie bringen einen grossen Rucksack an Ausbildungen und Berufserfahrungen in den Wahlkampf. Entspricht der Spagat zwischen Sozialarbeit und Wirtschaft ihrem Profil?

Ja, schon. Ich bin wirklich überzeugt davon, dass soziales Engagement ohne wirtschaftliche Kompetenz nicht nachhaltig ist. Dazu kommt die ökologische Komponente. Mir ist es ein grosses Anliegen, all diesen Bereichen gerecht zu werden und bin überzeugt, dass es dies auch in der Churer Exekutive braucht. Ich denke da beispielsweise an die Bildung.

Die Bildung ist neben der Finanzpolitik und bezahlbarem Wohnraum auch eines ihrer Wahl-Schwerpunkte. Auf einer früheren Version der Webseite haben sie auch die Kultur- und Sportförderung als zentrales Anliegen genannt. Gilt dies angesichts der angespannten Finanzlage nicht mehr?

Doch, auf jeden Fall. Beide Bereiche gilt es zu würdigen, besonders die Kultur. Es stellt sich die Grundsatzfrage, ob und an welchen Projekten wir uns beteiligen. Wenn man nichts macht, führt das dazu, dass Kulturangebote massiv verteuert würden und nur noch für wenige Reiche erschwinglich wäre. Für mich ist klar, dass dies für Chur schlecht wäre und die Lebensqualität in der Stadt negativ beeinträchtigen würde.

Und beim Sport? Sie wären als Engadin- und Swiss-Alpine-Finisher ja prädestiniert, eine Lanze für den Sport zu brechen?

Mein Herz schlägt auf jeden Fall für den Sport. Es fragt sich halt immer, was man finanzieren kann. Es hat mir weh getan, als das Gesamtsportanlagenkonzept abgelehnt wurde. Der Sport ist in der Gesellschaft ein sehr wichtiger Faktor, gerade auch für benachteiligte Kinder, die zum Beispiel in einem Fussballklub Anschluss und Bestätigung finden. Leider geht es bei Investitionsfragen immer nur um die Kosten für die heutige Rechnung. Dass die Anlagen auch noch in 20, 30 Jahren nutzbar sind und die Investitionen eigentlich die ganze Lebensdauer betreffen, wird nicht berücksichtigt. Das tönt für mich immer ein bisschen nach ’schwäbischer Hausmannsart‘: Wir geben nur aus, was wir jetzt gerade im Portemonnaie haben. Ökonomisch betrachtet ist dieses Denken zu banal.

Der Sprung vom Grossrats-Stellvertreter zum Churer Stadtrat ist nicht gerade klein. Wie gross wäre der Schritt für sie persönlich?

Natürlich wäre es ein grosser Schritt. Aber das ist es für viele. Doris Caviezel-Hidber leitete zuvor die Stabsstelle für Chancengleichheit. Ich führe zurzeit in meiner Abteilung 45 Personen, durch meine bisherigen Tätigkeiten fühle ich mich kompetent für den Job. Die grösste Herausforderung sehe ich darin, in der Öffentlichkeit zu stehen. Ganz neu ist das aber auch nicht für mich. Als Kommunikationsleiter des Komitees ‚Nein zur Bündner NFA’ stand ich an Podiumsdiskussionen und Interviews oft in der Öffentlichkeit.

Vor zwei Wochen hatten wir eine sogenannte ‚Richtungswahl‘. Im Churer Stadtrat waren bisher eine SP-Frau (Caviezel-Hidber), ein FDP-Mann (Urs Marti) und der parteilose Tom Leibundgut, dem regelmässig Nähe zur Linken nachgesagt wird. Droht beim Verlust des SP-Sitzes auch in der Stadt Chur ein Rechtsrutsch? Immerhin hat die SVP auch in der Bündner Hauptstadt die Wählerhoheit gewonnen?

Wir haben das auch analysiert. Bei den letzten Wahlen lag die SP in Chur noch knapp vor der SVP. Dieses Jahr hat die SP um 3,6% zugelegt, die SVP aber um 4,1%. Sie hat nun zwar die Mehrheit in Chur, aber wir haben auch stark zugelegt. Ausserdem: Man liest oft, dass Tom Leibundgut zur Linken gehört. Ich sehe das nicht. Er macht eine moderne, urbane und liberale, aber keine linke Politik. Er bezeichnet sich ja auch selbst nicht so.

Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich für Chur?

Chur soll eine lebenswerte, soziale und umweltfreundliche Stadt für alle Generationen sein! Mein Motto: Die Menschen sind nicht für die Politik und die Behörden da, sondern die Behörden und die Politik für die Menschen.

Der Sitz im Stadtrat ist begehrt

Nicht nur die SP, auch die anderen Parteien bekunden Interesse an einer Stadtratskandidatur. So hat beispielsweise Beath Nay, Präsident der Churer SVP, gegenüber dem Regionaljournal Graubünden erklärt, dass er selbst interessiert sei, zu kandidieren. Auch die BDP will mitmischen, die CVP und GLP ist sich ihrer Strategie noch nicht sicher. Die FDP steigt mit dem amtierenden Stadtpräsidenten Urs Marti ins Rennen.

GRHeute wird, sobald sie bekannt sind, über die weiteren KandidatInnen berichten.

 

(Bilder: SP Chur/Wikipedia)

Open Popup